Düsseldorf: "Manchmal bin ich die Behinderung leid"

Düsseldorf : "Manchmal bin ich die Behinderung leid"

Die Rollstuhlfahrerin Elwira Szyca wird im Vorzimmer des neuen Bürgermeisters Günter Karen-Jungen (Grüne) als Halbtagskraft beschäftigt. Die Einstellung der 33-Jährigen soll auch ein Signal sein.

Elwira Szyca hat sich ihren Beruf erobert. Die Rollstuhlfahrerin war ein halbes Jahr Praktikantin bei der Grünen-Ratsfraktion, arbeitete dann ein Jahr angestellt für die Politiker. Nach der Sommerpause nimmt sie Platz im Vorzimmer von Günter Karen-Jungen, dem neuen Grünen-Bürgermeister. Damit hat sie endlich einen Arbeitsplatz, bei dem sie viel Kontakt mit Menschen hat. Eineinhalb Jahre saß sie nicht direkt in der Fraktion, sondern in der ersten Etage des Wilhelm-Marx-Hauses. Der Grund: Das Rathaus ist vielerorts für Körperbehinderte nicht erreichbar. Viele Treppen, wenige Rampen, kaum Aufzüge.

Karen-Jungen legt Wert darauf, dass die Kommune seine Mitarbeiterin einstellt, "weil sie für die Aufgabe qualifiziert ist und sie bewältigen kann". Aber er findet auch, "dass die Stadt bei der Integration von Menschen mit Behinderung Vorbild sein sollte". Ist sie aber längst nicht in ausreichendem Maße, auch wenn Karen-Jungen lobend erwähnt, dass jetzt alles ganz schnell geht und für seine Mitarbeiterin eine Behindertentoilette und eine Tür mit automatischer Öffnung eingebaut wird.

Durch das Büro im Wilhelm-Marx-Haus wurde Elwira Szyca das Praktikum ermöglicht, immerhin. "Ich war dort wie in Quarantäne", sagt sie, will das nicht als Beschwerde verstanden wissen, schließlich hat sie dadurch eine Chance erhalten - bei vielen anderen Bewerbungen kam nicht mal eine Antwort. "Fünf Büros auf dem Flur, nur eines besetzt - mit mir. Mit der Fraktion habe ich nur per Telefon oder Mail kommuniziert."

Aber die 33-Jährige ist eine selbstbewusste Frau, eine, die Willen hat. Oder besser: eine, die über den Witz und die Gedankenschärfe verfügt, die Vielschichtigkeit der Realität zu erkennen und ihr einen Spruch zu verpassen. Ein Beispiel aus ihrem Blog "Das denke ich Düsseldorf": "Die Special Olympics reizen mich nicht wirklich. Ich bin so sportlich, wie ein Schweineschnitzel vegan ist. Mich interessiert mein Alltag, mein Leben. Und wie sieht es mit der Behindertenfreundlichkeit der Stadt Düsseldorf für mich aus? Überall werden Haltestellen gebaut oder umgebaut, auch wenn manchmal der Abstand zwischen Bahn und Steig bleibt und woanders wiederum Aufzüge fehlen. Ich habe eine Wohnung, die ich befahren kann. Auch wenn ihre Auswahl aufgrund mangelnder Alternativen leicht war, so bleibt mir ein Leben unter einer barrierefreien Brücke erspart."

Behindert ist Elwira Szyca durch einen Geburtsfehler. Die Nabelschnur war um ihren Hals gewickelt, der Kaiserschnitt wurde zu spät eingeleitet, Sauerstoffmangel. Sie hat an der Rheinischen Schule für Körperbehinderte in Köln Abitur gemacht, später die Umschulung zur Kauffrau für Bürokommunikation absolviert. Sie wohnt an der Kölner Straße, fährt mit der U-Bahn zur Arbeit, "aber nie mit der U 75, der Einstieg ist zu hoch, und die Distanz ist zu groß".

Die 33-Jährige ist alleinerziehend, eine Assistentin unterstützt sie in allen Dingen. Der Sohn, Daniel-Alexander, ist neun Jahre alt, und damit die Mutter ihn in der Schule auch mal aufsuchen kann, geht er in die Stockumer Gerhard-Tersteegen-Schule. "Ich habe meinen Sohn noch nicht in einer Schulaufführung gesehen, weil die Aula in der zweiten Etage liegt. Aber ich war in seiner Klasse."

Elwira Szyca hat keine Lust, "Objekt der Hilflosigkeit zu sein" und sagt: "Manchmal bin ich meine Behinderung leid." Die junge Frau will sich nicht auf diesen einen Punkt reduzieren lassen. Sie geht darin auf, ihren Blog zu schreiben, und sie liebt es, mit ihrem Sohn ins Kino zu gehen. Der Sohn ist Bayern-Fan, die Mama hat so getan, als sei sie Dortmund-Fan. Es hat nichts genützt. Karen-Jungen will sie mal zur Fortuna einladen. Vielleicht wird dann auch das Bayern-Problem gelöst.

(RP)