Herkules auf Reisen: Lüpertz-Plastik nach Gelsenkirchen

Herkules auf Reisen: Lüpertz-Plastik nach Gelsenkirchen

Als Schwertransport war ein Teil der Gestalt, die der Künstler für den Nordstern-Turm erschaffen hat, Dienstagabend unterwegs in Richtung Ruhrgebiet. Markus Lüpertz betrachtet seine 20 Tonnen wiegende Skulptur als Zeichen des Neuanfangs im einstigen Kohlenpott.

Das Kunstwerk nimmt Gestalt an: Dienstag lagen Kopf, Oberkörper und Beine zum Abtransport nach Gelsenkirchen bereit, teils per Tieflader, teils als Normaltransport. Markus Lüpertz (69), der Maler, Bildhauer und frühere Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, hatte in Deutschlands führender Kunstgießerei Schmäke in Düsseldorf-Oberbilk während eines gesamten Jahres immer wieder selbst Hand angelegt und unter anderem darauf geachtet, dass die Skulptur aus 240 Einzelteilen richtig zusammengesetzt wurde. 2500 Nähte waren nötig. Wenn alle Teile aufeinandersitzen, wird die Herkules-Figur 20 Tonnen wiegen und eine Höhe von 18 Metern erreichen. 240 Kubikmeter Aluminium waren künstlerisch in Form zu bringen.

Noch ist das gute, rund zwei Millionen Euro teure Stück unvollendet; nicht nur, weil es an seinem Bestimmungsort montiert werden muss, sondern auch, weil Lüpertz erst dort mit der Bemalung beginnen wird. Sein Herkules soll den unter Denkmalschutz stehenden, umgebauten Erschließungsturm auf Schacht II der Zeche Nordstern krönen. In einigen der Etagen unter ihm entsteht ein Zentrum für Video-Kunst, oben wird der Held aus der griechischen Mythologie in die zeitliche Ferne blicken. Denn Lüpertz will seine Skulptur nicht als Denkmal der Malocher von einst verstanden wissen, sondern als Sinnbild eines neuen Anfangs.

Kraft für den Strukturwandel

Der Löwenkopf, der dem massigen Herkules auf der Brust sitzt, bedeutet Kraft, die benötigt, wer den Strukturwandel im Ruhrgebiet vorantreiben will. Und die Farbflächen auf dem Körper des göttergleichen Helden spielen an auf die Farbigkeit griechisch-antiker Plastik, welche die einst ganz auf Geist, nicht auf Sinnlichkeit setzende Altertumswissenschaft lange Zeit nicht wahrhaben wollte.

Wie Lüpertz' ehedem heftig beargwöhnte Mozart-Figur in Salzburg kommt auch der an seiner Oberfläche stark zerklüftete Gelsenkirchener Herkules aus unerfindlichen Gründen mit nur einem Arm aus. In einem Vergleich mit Mozart befand der Künstler damals: "Ich habe die gleiche Leichtigkeit wie er". Und wer Lüpertz kennt, der weiß, dass er darin nicht die einzige Parallele zwischen dem Komponisten und sich selbst sieht. Auch in Herkules, dem Sohn des Zeus und der Alkmene, steckt ein gutes Stück von ihm, vom "göttlichen" Lüpertz, der nicht müde wird, sein Genie zu besingen.

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Lüpertz ist besessen vom Geniegedanken. Das Genie - so weiß er in der Tradition der romantischen Dichter und Denker - gibt sich seine Regeln selbst. Es hat die Kraft, aus göttlicher Eingebung Dinge zu erschaffen, die unsereinem nicht in den Sinn kämen, und braucht niemandem Rechenschaft abzulegen. Ob Mozart, Aphrodite oder Herkules - bis zu Lüpertz ist es in seinem Verständnis stets nur ein kurzer Weg.

Umstrittener Auftrag

Der Gelsenkirchener Auftrag war von vornherein umstritten. Denn der Architekt Karl-Heinz Petzinka - zusammen mit Ulrich Küppers Chef der Treuhandstelle THS, des Immobilienunternehmens im Nordsternpark, das im Ruhrgebiet und im Rheinland rund 80.000 Wohnungen unterhält - war vor zwei Jahren vom damaligen Düsseldorfer Akademie-Rektor Lüpertz zum Professor ernannt worden. Da lag der Verdacht nahe, dass eine Hand die andere wasche. Außerdem erhob sich eine Diskussion darüber, wie sich die Plastik mit den Vorgaben des Denkmalschutzes vereinen lasse.

Die nun bevorstehende Endmontage in Gelsenkirchen bedeutet auch, dass in die hohle Plastik Stahlgerüste eingezogen werden. Hohl - das mag nach Sparmaßnahme klingen, doch Gießerei-Chef Karl-Heinz Schmäke (66) verweist darauf, dass ein Massivguss gar nicht möglich wäre. Das Material zöge sich zusammen, die Strukturen der Oberfläche gingen verloren.

Der letzte Akt der Geburt des Herkules aus dem Geist der Postmoderne wird sich im Dezember ereignen. Dann wird die Skulptur vom Ort ihrer Zwischenlagerung in den Nordsternpark verfrachtet und auf den Turm gehoben. Vielleicht ein neues Wahrzeichen des Ruhrgebiets, vielleicht auch nur einer von mehreren Einarmigen aus der Werkstatt des ewig unergründlichen Markus Lüpertz.

(RP)
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