Linda Conze, Kuratorin der Abteilung Fotografie im Düsseldorfer Kunstpalast, trifft im Blind Date auf Polizeireporterin Stefani Geilhausen

Blind Date Linda Conze : „Idee und Haltung machen die Kunst“

Die Historikerin kam aus Berlin zum Aufbau der neuen Abteilung Fotografie in den Kunstpalast.

In der Adventszeit wichtelt jeder RP-Redakteur einem Kollegen in der Lokalredaktion ein Blind Date mit einem Interview-Partner zu. Heute ist das Linda Conze, Kuratorin der Abteilung Fotografie im Kunstpalast, die auf Polizeireporterin Stefani Geilhausen trifft.

Ich bin jetzt 20 Jahre in Düsseldorf und muss zugeben: Ich war noch nie hier. Positiv ausgedrückt: Das Museum scheint ein sicherer Ort zu sein.

Linda Conze Gut zu wissen, ich bin ja selbst erst seit einem halben Jahr hier.

Und machen was genau?

Conze Ich leite die Abteilung Fotografie, die es jetzt ganz neu am Kunstpalast gibt.

Ich erinnere mich, da gab es ja eine Menge Diskussionen. Auch über ein ganz eigenes Museum für Fotokunst.

Conze Wir finden es gerade gut, dass hier bei uns alles zusammen ist, die Fotografie gleichberechtigt neben anderen Kunstformen ihren Platz hat.

Ich habe ja überhaupt keine Ahnung von Kunst, und das bisschen, was ich weiß, habe ich als Reporterin im Prozess gegen Helge Achenbach gelernt. Deshalb frag‘ ich mal ganz naiv: Ist Fotografie eigentlich Kunst? Gerade im digitalen Zeitalter, wo gefühlt alles von jedem fotografiert wird, sind da Fotos nicht irgendwie beliebig geworden?

Conze  Die Digitalisierung hat sich ja nicht nur auf die Fotografie ausgewirkt. Und sie ist ein großes Thema, mit dem sich die Kunst auseinandersetzt. Total interessante Arbeiten der Fotokunst, die alles andere als beliebig sind, beschäftigen sich derzeit mit der Frage, wie die Bilderflut der Gegenwart die Fotografie verändert.

Nehmen wir mal Gurskys Rhein-Bild. Ich hab einen Kollegen, der hat das gleiche Foto gemacht. Wo ist der Unterschied?

Conze Also, gerade Andreas Gursky ist ein gutes Beispiel. Das ist ja nicht einfach nur ein Foto. In diesem Werk steckt so viel Aufwand, Technik und Präzision. Und, am wichtigsten natürlich: eine Idee.

Aber seit Erfindung der Fotografie sind vermutlich eine Trilliarde Fotos vom Rheinufer gemacht worden. Oh Gott, ich hoffe, Gursky liest das nicht.

Conze Ach, der würde Ihnen das nachsehen. Aber es stimmt, das Problem der Fotografie ist, dass sie den Ruf hat, man müsse nur auf einen Knopf drücken. Dabei ist sie so viel mehr.

Ich mag Fotos, weil sie die Wirklichkeit abbilden.

Conze Tun sie das? Einerseits glauben wir der Fotografie bedingungslos, haben absolutes Vertrauen in ihre Objektivität. Andererseits sprechen wir ihr gerade deshalb oft ab, Kunst sein zu können.

Ist die Kunst der Fotografie denn nicht, die Realität abzubilden?

Conze Aber nein. Das, was die Kamera sieht, entspricht in keiner Weise dem menschlichen Sehen. Schon deshalb kann Fotografie nicht die Wirklichkeit zeigen, wie wir sie wahrnehmen. Fotografie entreißt dem Leben einen winzigen Moment. Und hinter der Auswahl dieses Moments steht eine Idee, eine Haltung. Das macht sie zur Kunst.

Aber ein Foto lässt sich unbegrenzt vervielfältigen. Wenn Sie das mit einem Rembrandt machen, ist das eine Fälschung.

Conze Die Reproduktion eines Fotos wird aber nie dasselbe Foto ergeben. Jeder einzelne Schritt der Produktion, ob digital oder analog, ist Teil der Gestaltung. Und Gestaltung plus Idee plus Haltung ist Kunst.

Müssen Sie das eigentlich oft erklären, warum Fotografie Kunst ist?

Conze Ja, doch, Regelmäßig eigentlich.

Dann entschuldige ich mich schon mal für dieses Interview. Obwohl ich gerade feststelle, dass ich das wirklich interessant finde. Wie kamen Sie eigentlich zu diesem Fachgebiet?

Conze Eigentlich bin ich Historikerin. Und da bin ich dann auf die Rolle gestoßen, die Fotografie für die Geschichte spielt, auf die Wirkung, die sie hat. Das fasziniert mich sehr.

Das merkt man. Ich verspreche: Wenn Sie im Februar die erste Ausstellung der Bilder aus der Sammlung Kicken machen, die der Kunstpalast gekauft hat, komme ich wieder und seh’ sie mir an. Das hätte ich vermutlich ohne dieses Gespräch nur gewollt, aber dann am Ende doch nicht gemacht. Vielen Dank dafür.

Conze Gerne.