Düsseldorf : Lieferhelden

Weil Menschen bequem sind, gibt es den Bringkiosk. Der liefert nachts um drei auch Tiefkühlpizza und Zahnbürste.

Schlaf ist für Alexander Werner ein Zustand, den es zu minimieren gilt. Zwei Stunden hatte er heute davon, samstagmorgens zwischen 6 und 8, dann musste er wieder raus, den nächsten Kunden beliefern. Die Sache mit der Öllache und dem Pfeiler lag noch keine zwei Tage zurück.

Nun ist es kurz vor halb acht, draußen wird es dunkel. Werner, 28, schlaksig, Brille, sitzt mit einer Dose Red Bull an seinem Schreibtisch mit Rechner und wartet mit seinen Kollegen vom Bringkiosk auf die nächste Bestellung. In dem Raum stehen zwei weitere Schreibtische mit Computern, dahinter Manfred und Julia Meuken, Eheleute und die Gründer des Kiosks. Sie 27, er 32, beide tragen Jogginganzüge und Turnschuhe. Manfred kontrolliert die Bildschirme, Julia streicht auf ihren Kärtchen durch, dass sie mittwochs Ruhetag haben. Sie haben keinen Ruhetag mehr. Dass sie am Wochenende ununterbrochen geöffnet haben, werden sie erst ein paar Tage später wieder abschaffen.

Weil der Raum in einem Hinterhof an der Witzelstraße auch das Lager ist, stehen dort in Regalen und auf einem langen Tisch Chipstüten, Kekse, Schokoriegel. In den beiden Kühlschränken sind Cola und Bier untergebracht. Seit einigen Wochen beliefern die drei 25 Stadtteile von Düsseldorf zu Kiosk-Preisen mit fast allem, was es auch in einem Kiosk zu kaufen gibt, und versprechen, dass niemand länger als eine Stunde warten muss. 160 Artikel sind auf der Website aufgeführt, auch Tampons, Zahnbürsten und Katzenfutter. Laut Manfred betreiben sie den einzigen Lieferkiosk in Deutschland ohne eigenes Büdchen.

Gerade haben sie Pizza bestellt, und Werner ahnt, was nun kommt. "Nanananana", tönt es aus den Lautsprechern. Die nächste Bestellung, übers Internet, die zwölfte an diesem Tag. Vier Flaschen Bier und eine Cola in die Junkersstraße, Entfernung 4,5 Kilometer. Für alle Strecken ab vier Kilometer muss Werner raus, er fährt das Auto. Für kürzere Strecken setzen sich Julia oder Manfred auf einen der beiden Roller. Werner nimmt sich eine Plastiktüte, legt die Ware hinein und geht zu dem Mietwagen, der direkt an der Straße geparkt hat.

Er fährt den Wagen erst seit gestern, sein Seat ist noch in der Werkstatt. Dieser hier ist viel größer. Er gibt die Adresse ins Navigationsgerät ein und fährt los. Als er fünf Minuten unterwegs ist, erhält er eine Sprachnachricht von Manfred. Er solle doch bitte später einen Kasten Wasser im Supermarkt holen. Doch erst mal das Bier ausliefern. Er parkt sein Auto vor einer Wohnanlage, sucht einige Zeit nach der richtigen Hausnummer und klingelt. Summer, Treppe hoch. Ein Mann im Bademantel öffnet. Werner merkt, das ist keiner von denen, die noch ein wenig reden wollen. Der will bloß sein Bier und dann in Ruhe gelassen werden. Werner hat für solche Leute das schöne Wort "griesmuffelig" erfunden. Auf dem Rückweg holt er den Kasten Wasser und will wieder losfahren, als das Auto ihm anzeigt: Kofferraum nicht geschlossen. Er steigt wieder aus, schließt den Kofferraum, ärgert sich über die verlorene Zeit.

Als er wieder im Büro sitzt, isst er seine beinahe noch warme Pizza. Beim letzten Bissen wieder dieses Geräusch. "Nananana". Snacks in die Benzstraße. Aber klar, aber sofort. Er ist gerade 50 Meter gefahren, als Manfred ihn zurückruft. Anderer Auftrag, selbe Straße. Raus aus dem Auto, Tüte holen, wieder rein ins Auto und los. Es geht auf 22 Uhr zu.

Dass es den Bringkiosk gibt, daran hat der Alkohol Schuld. Im vergangenen Jahr saßen die Meukens mit ein paar Freunden zusammen und beschlossen, eine Flasche Wodka zu bestellen. Es gab damals einen Kiosk in Düsseldorf, der zusätzlich auch lieferte - heute gibt es davon zwei - doch es dauerte Stunden, bis der Wodka auf dem Tisch stand. Die beiden waren damals arbeitslos, er gelernter Außenhandelskaufmann, sie Schreinerin, und auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Also sagten sie: "Das können wir schneller." Sie gründeten den "Flitzekiosk", doch weil sie bloß zwei Mofas hatten, wurden die Aufträge bald zu viel. Sie stellten den Betrieb ein und planten noch mal neu.

Der Bringkiosk öffnete am 1. Juni. Weil sie zunächst noch kein Lager hatten, räumten sie ihr Schlafzimmer und übernachteten im Wohnzimmer. Einen Monat später stellten sie Alexander Werner ein, zunächst nur als Fahrer. Er arbeitete als Koch in einem Neusser Hotel, doch für seine Gesundheit wurde die Arbeit zu viel. Weil es so gut passte, wurde er ebenfalls Gesellschafter in der Mini-GmbH der Meukens. Im August richteten sie Büro und Lager an der Witzelstraße in Bilk ein. Seit 1. September beziehen die Meukens kein Hartz IV mehr. An guten Tagen bekommen sie 25 bis 30 Aufträge, im Schnitt 20 Euro pro Auftrag. "Ich könnte mir nichts anderes vorstellen", sagt Manfred. "Das ist wie unser Baby, dafür nehmen wir einiges in Kauf", sagt Julia angesichts von Wochenarbeitszeiten von mehr als 80 Stunden. Ihre vierjährige Tochter verbringt die Wochenenden meist bei Julias Mutter in Datteln, unter der Woche passt Manfreds Mutter auf sie auf.

Werner ist wieder auf dem Rückweg. Auf der Lichtstraße blickt er kurz nach links. Es ist gerade zwei Tage her, als er nachts mit seinem Seat auf einer Öllache ausrutschte und frontal gegen den Straßenpfeiler krachte. Der Airbag löste aus. Auf der Facebookseite des Bringkiosks ist ein Foto des Unfallwagens zu sehen mit dem Hinweis, dass heute nicht mehr geliefert werde. Werner hatte nur was an der Hand, am nächsten Tag saß er bereits im Leihwagen. Werner wohnt in Erkrath, der Düsseldorfer Straßenverkehr ist neu für ihn. Trotzdem fährt er den Wagen ruhig durch die dunklen Straßen.

Als er wieder auf den Parkplatz fahren will, hat ein Auto ihm den Weg versperrt. Werner fährt weiter auf einen großen Parkplatz, doch als er aussteigt, ruft ihm ein Mann zu "Privatparkplatz". Er hätte auch gleich zweite Reihe parken können. Denn kaum ist er im Büro, muss er wieder los. Süßkram für 25 Euro zur Düsselstraße, noch vor der Abfahrt muss er wieder zurück. Ein weiterer Auftrag, Tiefkühlpizza und Aufbackbrötchen. Die Bestellungen ändern sich mit der Uhrzeit. Nach Mitternacht wird es fast nur noch Alkohol sein. Der Bringkiosk lebt davon, dass die Leute was beim Einkaufen vergessen haben oder sie zu bequem sind, selbst noch mal vor die Tür zu gehen. Selbst dann, wenn Supermarkt oder Büdchen auf derselben Straße sind.

Als der junge Mann die Tür öffnet, für den die 25 Euro Süßkram bestimmt sind, weiß Werner sofort, warum der so einen Hunger hat. Dass ihm der Geruch von Gras entgegenkommt, ist nichts Ungewöhnliches mehr. Am Abend zuvor hat ihm ein Pärchen die Tür geöffnet, Stammkunden, beide völlig nackt. Als sie ihn baten, noch einen Moment reinzukommen, zog er es vor, draußen zu warten. Er wusste gar nicht, wo er hingucken sollte. Werner hat das Privileg, nachts für ein paar Sekunden Einblick in das Privatleben anderer Menschen zu bekommen. Sein Kopfkino läuft ständig.

Nachdem Werner auch die Brötchen und die Tiefkühlpizza losgeworden ist, fährt er zurück nach Bilk. Er weiß: Gleich muss er wieder los, um den Menschen die Kleinigkeiten zu bringen, die plötzlich ganz wichtig werden. Es gibt Tage, da fährt er 180 Kilometer. Erst am Sonntagmorgen um acht wird er zwei Stunden schlafen. 45 Aufträge bekommen sie am Sonntag rein, ein neuer Rekord. Sie packen und fahren nur noch. Nicht immer schaffen sie es innerhalb einer Stunde. Der neue Fahrer fängt erst am nächsten Tag an.

Bald ist Herbst. Dann geht abends niemand mehr vor die Tür.

www.bringkiosk.com

(RP)
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