Zwischen Gräbern freundlichen Ort inszenieren

Künstleraktion : Performance auf dem Friedhof

Künstler inszenieren in Golzheim den Friedhof als freundlichen Ort.

Der Golzheimer Friedhof ist eine ruhige Insel inmitten der hektischen Stadt. Langsam gehen hier Menschen spazieren, sitzen gemütlich auf einer der Bänke in der Sonne oder joggen an den alten Grabsteinen vorbei. Am Samstag, 21. September, wird der ehemalige Friedhof jedoch zum Ort eines eintägigen Performance-Festivals, organisiert vom Kunstverein 701. „Das Festival Thresholds, was aus dem Englischen übersetzt Türschwelle bedeutet, reflektiert durch acht künstlerische Interventionen die verschiedenen sichtbaren und unsichtbaren Facetten des Golzheimer Friedhofs“, sagt Nadia Ismail, Kuratorin des Festivals.

Zentrum der Aktionen wird der mittlere Weg auf dem südlichen Teil des Friedhofes sein. Von 14 bis 20 Uhr wird dort unter anderem eine fünfköpfige Künstlergruppe mit einer sich ständig verändernden Installation auf sich aufmerksam machen. „Das Objekt wird sich dabei im Raum bewegen, weil wir alle daran herumbauen“, sagt Andreas Jonak. Bekanntheit erlangte das Künstlerkollektiv mit seiner Installation einer urigen, holzvertäfelten Kneipe namens „Tölke Eck“ beim Akademie-Rundgang im vergangenen Jahr. Außerdem war das Kollektiv für das beeindruckende Bühnenbild der Oper „Akademia“ im Malkastenpark in diesem Jahr verantwortlich und zimmerte dafür unter anderem ein 15 Meter langes Holzschiff in den Malkastenpark. Das Innere des Schiffes diente als eine der Bühnen. „Die Idee einer Performance hatten wir schon länger, jetzt bietet sich hier für uns endlich die Gelegenheit“, sagt Jonak. Die Materialien für ihre Installation sind Reste aus dem Opernbühnenbild. „So ergibt sich ein endloser Kreis, genau wie ein Grab nie ein Endpunkt ist“, sagt Jonak. Daher gibt es in der Arbeit des Kollektivs kein Endprodukt, der Prozess des Auf- und Abbaus, Wachstums, Zerfalls und der Bewegung sind entscheidend.

Gegenüber von Jonaks sich stetig verändernder Skulptur werden Ingke Günther und Jörg Wagner ihre partizipative Aktion „Oranier“ zeigen. Im Mittelpunkt steht ein geerbter Gasherd, in dem den ganzen Tag über Kuchen gebacken wird. „In Mittelhessen bekommt das ganze Dorf zum Leichenschmaus diesen Kuchen“, sagt Jörg Wagner. Die Backzeiten werden den Takt ihrer Performance vorgeben. Dabei sind Gäste herzlich willkommen, sich auf alten, geerbten Stühlen niederzulassen. „Das sind für uns sehr persönliche Erbstücke, die wir hier aufstellen“, sagt Wagner.

In „Thresholds“ geht es nicht nur um Tod und Begräbnis. „Wir wollen mit diesem Performance-Festival weg vom Klischee, wonach der Friedhof ein trauriger Ort ist und ihm auch humorvoll und mit Freude begegnen“, sagt Nadia Ismail. Daher haben alle Arbeiten Elemente, die es dem Publikum erlauben, selbst Teil der Performance zu werden. Für den Kunstverein 701, gegründet unter anderem von Joachim Erwin und Jürgen Büssow, ist das kleine Performance-Festival eine Neuerung: Zum ersten Mal zeigt der Verein performative Arbeiten im öffentlichen Raum.

Mehr von RP ONLINE