Düsseldorf: Zwanzig Finger, ein Gedanke

Düsseldorf: Zwanzig Finger, ein Gedanke

Das grandiose Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen gastierte beim Klavierfestival Ruhr im Schumann-Saal.

In Claude Debussys epochalem Orchesterwerk "La mer" sitzen normalerweise zahllose Musiker auf dem Konzertpodium. Diesmal haben sie die Bühne verlassen und zwei Stellvertreter mit zwei Klavieren geschickt. Wahnsinniger Auftrag: Die beiden mögen die orchestrale Hundertschaft ersetzen.

So sitzen Yaara Tal, die 63-jährige Israelin, und Andreas Groethuysen, der 61-jährige Bayer, wie Herzog und Herzogin gleichsam am langen Tisch des Kronsaals. Jeder hebt seinen Blick nur kurz, die beiden kennen einander seit vielen, vielen Jahren; zahllose Schlachten an zwei Klavieren haben sie geschlagen, und sie wissen, wie es ist, solche unerfüllbaren Aufträge zu bekommen. Nun sind sie angetreten, dieses riesige, farbenfrohe, gleißende, opalisierende, extrem sinnliche Orchester aus "La mer" mit den Bordmitteln aus zwei Steinways erschöpfend zu ersetzen. Kann das funktionieren? Werden wir nicht die beiden Harfen vermissen, die hell übers Meer strahlenden Trompeten, die wogenden Streicher, die sonnenaufgangshungrigen Hörner?

Wir vermissen glücklicherweise gar nichts, denn wir erleben "La mer" (dank der famosen Klavierfassung von Debussys großartigem Schüler André Caplet) gleichsam als Blick auf den Meeresgrund der Musik. Wir hören die Klänge viel intensiver, zumal sie uns ja doch fortwährend ans Original erinnern. Einmal rauschen Andreas Groethuysens Hände sogar wie in einem kolossalen Glissando der echten Harfe über die Klaviatur.

Ja, Tal und Groethuysen sind tatsächlich zwei Virtuosen, die auch unzumutbare Aufgaben wie diejenige, ein ganzes Orchester zu simulieren, souverän meistern. Aber diese Brillanz ist nur der Motor, die Hardware des Unternehmens Klavierduo. Viel bedeutender ist diese blinde Übereinkunft, wann, auf welche Millisekunde genau, ein Gesamtakkord aus zwei Gehirnen, vier Armen, vier Händen und zwanzig Fingern in die Tasten fällt.

Für dieses Timing benötigt man unendlich viel Erfahrung. Oft waren und sind Klavierduos Geschwister oder gar Zwillinge (die Labèques, die Naughtons, die Paratores, die Pekinels, die Kontarskys, die Jussens), sie sind genetisch gebahnt und gepolt, das eine Herz weiß von Kindesbeinen an, wie das andere schlägt. Tal und Groethuysen haben sich diese sozusagen neurologisch nachprüfbare Innigkeit in 33 Jahren fabelhaft antrainiert. Sie spielen immerzu wie mit einem gemeinsamen Gedanken, wie mit einem in Echtzeit verschalteten Kombinationsgehirn. Dieser Grad von pianistischer Identität zweier (im Leben doch sehr unterschiedlicher) Charaktere ist natürlich das Resultat endloser Stunden gemeinsamen Trainings in ihrem Gartenhaus in München-Schwabing.

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Und so erleben wir denn einen einerseits grandios schwarzweißen Kaltklang, der andererseits herrlich warm, duftig und - und im Fall von "La mer" - erlebnisreich klingt. Alles Milchige, alle Gischt, aller Seetang und alles Quallengezücht der Orchesterversion scheinen wie abgefischt; die Musik ist jetzt ein Aquazoo im Klaviersitzungssaal, bei dem wir jedwedes Getümmel und atmosphärische Funkeln aus nächster Nähe und in größter Durchhörbarkeit erleben.

"La mer" nach der Pause ist sicher der Knüller dieses Programms, aber die Entdeckung des Abends im Robert-Schumann-Saal (beim Klavierfestival Ruhr) ist die Sonate c-Moll für Klavier zu vier Händen von Louis Théodore Gouvy (1819-1898). Dieser Franzose mit stetem Blick nach Deutschland war sicher kein Revolutionär des 19. Jahrhunderts, aber seine kompositorische Intelligenz und Fantasie kitzelten zahllose Momente aus dieser Sonate, in denen man verblüfft ist: So ein überrumpelnd schönes Stück Musik! Jetzt sitzen Tal und Groethuysen nebeneinander, der hochgewachsene Pianist hinten, die zierliche Pianistin vorn, trotzdem greifen die Finger und Arme über- und ineinander, wie unartige, aber vertraute Kinder, die beim Mittagessen unerlaubt von allen Tellern naschen.

Tal und Groethuysen haben ihren Gouvy auch bereits auf CD aufgenommen, als Teil eines voluminösen und keine Mühen scheuenden Entdeckerprogramms, das die unendlichen Weiten der vierhändigen Klavierliteratur auf Tauglichkeit und Wert untersucht. Bekannter sind da schon die klassizistischen "Variationen über ein Thema von Beethoven" aus der Feder von Camille Saint-Saëns, in denen das Duo seine integrale Kompetenz zeigt. Wie da die Akkorde ineinander fliegen, als werde das Material der Musik von zwei Seiten in strengem, hyperschnellem Ping-Pong getestet - das spielen nur wenige Klavierduos mit solch entwaffnender Sicherheit.

Im Saal erlebt man alle Stadien der Fassungslosigkeit. Danach Jubel. Zwei Zugaben.

(w.g.)