Düsseldorf: Zerbrechliche Welt im Kleinformat

Düsseldorf : Zerbrechliche Welt im Kleinformat

Das Kai 10 im Medienhafen zeigt "Collagierte Skulpturen" dreier international bekannter Künstler der Gegenwart. Gemeinsam ist ihren Werken der distanzierte Umgang mit Politik, Konsumwelt und Bedrohung.

Isa Genzken, einst Schülerin von Gerhard Richter an der Düsseldorfer Kunstakademie, dann elf Jahre lang dessen Ehefrau und längst eine der international bekannten Künstlerinnen aus Deutschland, war für die Ausstellung "Collagierte Skulpturen" im Kai 10 nur schwer zu gewinnen. Nicht, weil sie sich unter dem Schirm dieses Titels nicht wohl gefühlt hätte, sondern allein weil ihre Werke zurzeit anderenorts dringender benötigt werden als in Düsseldorf: Im November beginnt ihre Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art.

Dennoch ist es Zdenek Felix, dem Kurator der Schau im Medienhafen, gelungen, vier Werke loszueisen, darunter eines, das mitten ins Herz der New Yorker, ja der westlichen Welt trifft. "Empire Vampire III" von 2004 ist eine in Augenhöhe des Betrachters auf einem Sockel thronende Modell-Landschaft, in der zwei umgekippte Stangen gestapelter Trinkgläser die zerstörten Türme des World Trade Center markieren. Zwischen den Zwillingstürmen finden sich Tote und Schutt, darüber überdimensionierte Retter-Figuren.

"Empire Vampire" ist eines der stärksten Werke dieser Ausstellung: eine lapidare, modellhafte Nachbildung des terroristischen Geschehens, das die Welt veränderte. Dieses Denkmal, wenn es denn überhaupt eines ist, entfaltet seine Kraft gerade durch die Distanz, in die es seinen Gegenstand rückt und die das Publikum nun womöglich mehr erschaudern lässt als die millionste Wiederholung der Filme, die den Anschlag dokumentieren.

"Collagierte Skulpturen" — darunter versteht Kurator Felix Kunstwerke, die sich aus unterschiedlichen Materialien wie Zeitungsausschnitten und Malerei, Legosteinen, Playmobil-Figuren und Büro-Krimskrams zusammensetzen, die sich mit dem Sockel, auf den sie sich gründen, verbinden und ein höchst zerbrechliches Gebilde ergeben. So verhält es sich auch mit den Arbeiten der New Yorkerin Rachel Harrison, die den Auftakt der dreiteiligen Schau bilden.

Da erzählt zum Beispiel ein Zeitungsausschnitt von der technischen Untersuchung, die New Yorker Taxifahrer alle zwei Jahre in einem entlegenen Teil der Metropole durchlaufen müssen, und davon, dass ein Unternehmen die Idee hatte, diese Taxifahrer in ein benachbartes Museum einzuladen. Eine klassizistische Figur aus diesem Kunsthaus, die in der Zeitung abgebildet ist, findet sich als Figürchen in einer plastischen, von einem Gummirad gekrönten Komposition nebenan wieder.

All diese Skulpturen wirken, als könnte schon ein Windhauch sie zu Fall bringen. Überall sind Papiere angeheftet, nichts ist geklebt; wer wollte, könnte Einzelteile mitgehen lassen. Darin spiegelt sich eine Welt, die keineswegs auf so sicherem Grund steht, wie wir uns das oft einreden. Dabei sind die Künstler keine Panikmacher. Sie beweisen Humor und setzen sich ironisch mit der Welt des Konsums auseinander wie der Berliner Manfred Pernice. In mehreren seiner Werke belegt er seine These, dass die Erde von Dosen überzogen werde. Dosen, wohin man blickt — nicht nur im Alltag, sondern auch in der Pernice-Abteilung der Ausstellung. Dosen-Nachbildungen unterschiedlicher Größe stapeln sich zu zerbrechlichen Ungetümen und verbünden sich heiter mit anderen Gegenständen aus der Welt des Konsums.

Grotesk wirkt es, wenn eine Fotografie von einer Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz, aufgenommen am 4. November 1989, mit einem Preisschild "18 Euro" ausgezeichnet ist: Der waghalsige Einsatz der DDR-Bewohner für die Freiheit, dessen Ende damals noch offen war, verharmlost sich zur schnöden Ware.

So erzählen die "Collagierten Skulpturen" auch von einer collagierten Welt, in der Dinge oft Allianzen eingehen, über die man nur den Kopf schütteln kann.

(RP)
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