Melanie Schrader und Hamed Shahi „Eine Stadt mit Musik ist viel schöner und lebenswerter“

Interview · Die beiden Vorstandsmitglieder von Music Düsseldorf erklären, wie sie das Profil der Musikstadt Düsseldorf schärfen wollen. Und wie Musik zum Wirtschafts- und Tourismusfaktor werden kann.

Melanie Schrader und Hamed Shahi gehören zum Vorstand von Music Düsseldorf.

Melanie Schrader und Hamed Shahi gehören zum Vorstand von Music Düsseldorf.

Foto: Music Düsseldorf/Kai Kuczera

Düsseldorf gehört neuerdings zum Netzwerk der internationalen Musikstädte. Durch die Beteiligung an dem Verbund, zu dem etwa auch Liverpool gehört, soll die Bedeutung von Musik als Wirtschafts- und Tourismusfaktor betont werden. Um das Profil der Musikstadt schärfer herausarbeiten zu können, hat sich der Verein Music Düsseldorf gegründet. Unternehmer, Veranstalter und zentrale Personen der Düsseldorfer Musikwirtschaft wollen darin die gemeinsamen Interessen gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit vertreten. Zum Auftakt gab es nun eine Konferenz im NRW-Forum. Wie sprachen mit den Vorstandsmitgliedern Melanie Schrader und Hamed Shahi.

Wie lief die Konferenz?

Hamed Shahi Wir wollten kein klassisches Networking-Treffen veranstalten, bei dem es viele Workshops gibt, alle etwas posten, und dann ist es vorbei. Unsere Intention war, zu informieren und das Thema Musik konkreter zu machen. Zu zeigen, dass Musik nicht einfach das ist, was man hört, sondern mehr: Wissenschaft und Know-how, Stadt und Gesellschaft.

Die Veranstaltung war sozusagen ein Kick-Off-Meeting, weil Düsseldorf nun Musikstadt ist. Warum ist das wichtig?

Melanie Schrader Es geht um internationale Vernetzung und Sichtbarkeit. Wir wollen Düsseldorf global präsentieren und Musiktourismus in der Stadt fördern, aber auch ein Netzwerk schaffen, indem wir mit Städten weltweit kooperieren. Und davon profitieren. Wir können eine zunehmende Bedeutung unabhängiger Städtenetzwerke beobachten. Durch den Beitritt im Music Cities Network im Namen von D.Live gehört Düsseldorf nun einem globalen Netzwerk von Musikstädten an. Das wiederum verbessert den Austausch mit Politik, Kultur und Geschäftsmöglichkeiten.

Shahi Ich finde es selbstverständlich, dass Düsseldorf auf internationaler Ebene spielen muss. Für mich ist Düsseldorf eine der wichtigsten Musikstädte Deutschlands. Und wir müssen lernen, das nach außen zu verkaufen. Das haben wir bis jetzt nicht gemacht.

In Düsseldorf muss noch einiges passieren, um auf Augenhöhe zu kommen, oder? Braucht man ein Museum, Gedenkorte oder so etwas?

Shahi Ich weiß nicht, ob ein Museum zeitgemäß ist. Für mich ist es ein „nice to have“, vielleicht würde es den Musiktourismus unterstützen. Wichtiger noch sind Ereignisse wie die Kraftwerk-Ausstellung im Museum Kunstpalast. Und: Wir müssen das Zeitgenössische und Aktuelle unterstützen.

Was heißt das?

Shahi Ich glaube, eine Musikstadt, die keine funktionierende Clublandschaft hat, kann keinen Erfolg haben. Das Wichtigste ist, eine funktionierende Clublandschaft zu etablieren und der bestehenden Clublandschaft eine Infrastruktur anzubieten. Städte wie Köln machen das großartig, indem bei einem Club, dessen Gebäude abgerissen und neu gebaut werden soll, der Club unter Schutz gestellt wird. Und zwar, indem eine Baugenehmigung nur erteilt wird, wenn der Club auch nach dem Neubau existieren kann ohne neue Auflagen. Das heißt, die Stadt passt sich der Gesellschaft an und nicht umgekehrt. Wir müssen Betreibern eine Investitionssicherheit bieten.

Was ist noch zu beachten?

Shahi Das Thema Export von Musik aus Düsseldorf. Dass wir die Bands unterstützen, auf anderen Plattformen zu spielen, wie zum Beispiel dem Reeperbahn-Festival. Dass sie sich präsentieren. Außerdem: dass ein Austausch stattfindet zwischen Bands aus Düsseldorf und unseren Partnerstädten. Parallel dazu ein gesunder Musiktourismus wie ihn Thorsten Schaar bei VisitDüsseldorf aufbaut. Und meine Herzenssache: dass wir mit der Robert-Schumann-Hochschule zusammenarbeiten. Dass man dort Musik-Wirtschaft unterrichtet. Mit einer Düsseldorfer Popakademie wird der Nachwuchs an Düsseldorf gebunden. Das hilft, Musikfirmen anzusiedeln. Ich als Musikwirtschaftler habe extreme Probleme, Leute zu finden. Die kommen, bleiben ein Jahr und ziehen weiter nach Berlin.

Schrader Wichtig ist auch, dass sich die musikwirtschaftlich tätigen Akteure innerhalb der Stadt und der Region vernetzen. Dass die lokalen Akteure sichtbarer werden und man weiß, dass es Ansprechpartner vor Ort gibt. Wir möchten offen sein für neue Ideen und Impulse. Wir möchten alle Beteiligten der Düsseldorfer Musikwirtschaft wie Labels, Verlage, Agenturen, Studios, Produzentinnen, Musikerinnen und weitere an einen Tisch bringen. Als Netzwerk der Düsseldorfer Musikwirtschaft ist unser Ziel die Vernetzung der Mitglieder untereinander, aber auch die Verbindung zu potenziellen neuen Geschäftspartnerinnen, Branchenkolleginnen und Expertinnen – regional, deutschland- und weltweit.

Shahi Wichtig ist uns die Unterstützung der Diversität und Nachhaltigkeit in der Musikwirtschaft. Soziale Nachhaltigkeit. Ich fände es toll, wenn die Musikinstitute, also auch die Freie Szene, einen günstigeren Zugang mit Düsselpass erlauben würden.

Was hat eine Stadt davon, wenn sie Musikstadt ist?

Shahi Was ist die Stadt? Die Stadt sind wir drei. Und alle anderen Menschen, die hier leben. Für mich ist Stadt nicht gleich Stadtverwaltung oder Stadtspitze, sondern wir als Menschen. Ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Eine Stadt mit Musik ist viel schöner und lebenswerter. Ich glaube, unsere Stadt wird einfach lebenswerter.

Ist das Lokalpatriotismus?

Shahi Ja, den habe ich. Ich glaube, es gibt auch einen gesunden Patriotismus.

Was sind die nächsten Schritte?

Schrader In der nächsten Woche gibt es eine Mitgliederversammlung, in der wir verschiedene Arbeitsgruppen zu relevanten Themen bilden. Wir verteilen Aufgaben und definieren Ziele. Wir haben 16 Gründungsmitglieder. Wir müssen noch eine Menge Verwaltungskram erledigen, dann gehen wir in die aktive Mitgliederakquise. Wir wollen nicht, dass Menschen zu uns kommen und sagen: „Was könnt ihr mir bieten?“ Wir wünschen uns proaktives Handeln und den Wunsch die Musikstadt Düsseldorf von morgen mitzugestalten. Alle Akteure der regionalen Musikszene sind eingeladen, sich uns anzuschließen.

Was ist eure Vision?

Shahi Dass Popkultur und Popmusik von der Politik gleichgestellt werden mit klassischer Musik. Dass wir bei Fördergeldern auf Augenhöhe kommen. Dass wir dieselbe Infrastruktur haben, wie die Kölner sie haben. Ein Wort zum Neubau der Oper: Ich glaube, dass wir alle dankbar sind, in der Lage zu sein, so viel Geld zu investieren. Aber ich finde es wichtig, dass ein Haus für alle Musikrichtungen gemacht wird. Wir brauchen eine neue Konzerthalle in Düsseldorf. Wenn ich in der Tonhalle einen Termin anfrage, bekomme ich drei Termine fürs gesamte Jahr 2025. Ich will Kruder und Dorfmeister nach Düsseldorf bringen. Aber ich kriege keinen Termin. Und das ist ein Problem in Düsseldorf: Wir haben keine Plattform.

Schrader Wir möchten den Musik- und Musikwirtschaftsstandort Düsseldorf fördern und mitgestalten. Ich wünsche mir eine sichtbare und diverse Musiklandschaft in der Stadt, in der viele verschiedene Musikrichtungen an vielen verschiedenen Orten stattfinden können. Orte, an denen sich Menschen begegnen können, sei es bei einem Großevent oder in einer Off-Location. Wir müssen, besonders für junge Menschen, Räume schaffen und neue kreative Ideen umsetzen. Ideen, die attraktiver sind als Streamingdienste und Onlineplattformen.

(hols)