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Düsseldorf: Wie Jelinek Goethes "Faust" kommentiert

Düsseldorf : Wie Jelinek Goethes "Faust" kommentiert

In einem grandiosen Gastspiel geben Edgar Selge und Frank Seppeler gemeinsam den "Faust". Im Keller des Schauspielhauses sind parallel Jelineks Kommentare zum Stück zu erleben. Dann treffen beide Dramen aufeinander.

Die Bühne im Großen Haus des Schauspielhauses ist leer. Nur eine quadratische Spielfläche ragt über die ersten Reihen ins Publikum hinein und ein metallener Rahmen macht aus ihr eine Art offenen Käfig. Die beiden Herren, die erst einmal abwartend rechts und links daneben Platz nehmen, sehen aus wie Mitglieder der Wiener Philharmoniker, die gleich eine Brahms-Symphonie geben werden: Schwarzer Anzug, Fliege, Lackschuhe. Gleich werden sie ja auch einen Klassiker geben, sogar den heiligsten aller deutschen Theaterklassiker, nämlich Goethes "Faust".

Aber vorher blicken sie minutenlang stumm ins Publikum. Amüsiert, etwas angriffslustig, ja spöttisch. Es dauert nur Sekunden, dann haben Edgar Selge und Frank Seppeler das Publikum an der Angel. Noch bevor das Trommelfeuer ihres virtuosen Dialogs beginnt, in dem sich die beiden ungeachtet jeder Rollenzuteilung Goethes Texte zuwerfen, als seien sie leicht wie Federbälle. Deren Flugbahn allerdings schwer zu berechnen ist. Denn da, wo man es im Text ernst und schwer kennt, kommt es mit beiläufiger Alltäglichkeit über die Rampe und da, wo man es komödiantisch kennt, macht es frösteln.

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Selge und Seppeler sind stets sowohl als auch, selbst der berühmte erste Satz von Fausts Auftrittsmonolog gehört beiden: Selge spricht: "Habe nun ..." stockt kurz und Seppeler wirft gelangweilt ein "Ach!", Selge weiter: "Philosophie, Juristerei ...". Erstaunlich ist, dass Goethes Text das nicht nur mühelos aushält, sondern um den Preis einer gewissen Ernüchterung aus der Dekonstruktion sogar sternenhelle Funken schlägt.

Das allein schon wäre Grund genug, Dusan David Parízeks konzentrierte, punktgenaue Inszenierung zu besuchen. Das aber, was neben der Chronistin der größte Teil des Publikums auf der Bühne erlebt, ist nur ein Teil von "Faust 1-3", denn 50 Zuschauer erleben während der ersten 70 Minuten nicht das Herrenduo mit Goethe, sondern im Keller darunter Elfriede Jelineks "Sekundärdrama" "FaustIn and out" mit drei ebenfalls famosen Schauspielerinnen (Franziska Walser, FaustIn, Miriam Maertens, GeistIn, Sarah Hostettler, GretIn). Jelinek versteht ihr Drama, das nur zusammen mit "Faust" aufgeführt werden darf, als "kläffenden Hund", der nebenher läuft, und ab und zu gezielt das Bein hebt.

Goethes "Gretchen" ist etwa 14 Jahr alt, damals wie heute also minderjährig, selbst im 21. Jahrhundert bei wesentlich früher einsetzender Pubertät noch ein Kind. Für Jelinek Grund genug, den Fall Fritzl aufzugreifen, um in ihrem wie immer manisch hämmernden Textflächen-Staccato die Schöpfer- und Allmachts-Fantasien des J. Fritzl als "faustisch" zu geißeln. Das also rumort mehr als eine Stunde in einem schalltoten Raum im Bauch des Theaters, derweil oben der "Faust" brilliert, und dringt zeitweise via Video schon nach oben, bis dort die Rede auf die Mütter (Faust II) kommt und Selge mit einer Axt den Bühnenboden aufhackt und die Keller-Frauen samt Publikum auf die Bühne holt.

Von da an zielen Jelineks Verätzungsangriffe direkt und live, verzahnen sich mit Goethe ineinander verbeißend und verkrallend mit erstaunlicher, ja schauderhafter Schlüssigkeit. Die Gretchen-Tragödie, ohne Jelineks-Subtext und besetzt mit einer erwachsenen Darstellerin heute eher schwer zu vermitteln, gewinnt so eine ganze neue Brisanz und beglaubigt zugleich die alte. Gewiss könnte Jelineks Sekundärdrama auch alleine laufen. Ihre Grundthese, dass das Bildungsbürgertum es sich seit Jahrhunderten mit pädophilen Stücken bequem macht, gewinnt ihre ganze Schärfe aber erst am anzukläffenden Objekt. Ein grandioser Abend.

(RP)