Düsseldorf: Weltreise durch Oberbilk

Düsseldorf : Weltreise durch Oberbilk

Das Künstlerkollektiv Matthaei & Konsorten hat einen Audio-Rundgang für Oberbilk entworfen. Mit dem Smartphone kann man sich durchs Viertel leiten lassen und die dortige Migrantenkultur erleben. Ein Selbstversuch.

Das Künstlerkollektiv Matthaei & Konsorten hat einen Audio-Rundgang für Oberbilk entworfen. Mit dem Smartphone kann man sich durchs Viertel leiten lassen und die dortige Migrantenkultur erleben. Ein Selbstversuch.

Los geht's an der Eisenstraße, die wegführt vom Bahnhof. Die Vögel zwitschern, es ist warm. "Genau hier kommen seit über 100 Jahren immer wieder neue Menschen an", sagt eine Stimme aus meinem Smartphone: "Stell dir vor, du wartest hier auf einen alten Freund, der aus dem Bahnhof kommt. Du möchtest ihm von deinem neuen Leben erzählen. Wirst du stolz darauf sein?"

Oberbilk ist eine Arrival City für alle, die in Düsseldorf Arbeit und ein neues Leben suchen, behauptet das Künstlerkollektiv Matthaei & Konsorten in seinem Audio-Rundgang fürs Smartphone, den es mit dem Forum Freies Theater konzipiert hat. Das Viertel rund um Ellerstraße und Industriestraße ist ein Schmelztiegel für die marokkanische Community und Migranten aus anderen Teilen der Welt und ihre Nachkommen. Während ich an Supermärkten mit Gemüse und frischem Obst vorbeilaufe, spielt mein Handy ihre Musik, zum Beispiel Gesang auf Tamazigh oder Berberisch. "Kennst du doch, sprechen ja nur 25 Millionen Menschen", sagt die App.

Seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015 hat das ehemalige Arbeiterviertel hinterm Bahnhof einen schlechten Ruf. Seine Anwohner sehen sich mit einem Generalverdacht konfrontiert. Matthaei & Konsorten hat das zum Anlass genommen, ihr Rundgang ist wie eine Reise durch den Geist des lebendigen Viertels. "Songbook Oberbilk" heißt das Projekt, es ist eine multimediale Route, der ich auf dem Smartphone einfach folge und die ich teilweise mitgestalten kann.

Ich lausche den Geschichten der Menschen, die dort leben. Sie erzählen vom Auswandern und Einwandern, Ankommen und Einleben, von kulturellen Problemen und Konflikten in der Familie. "Meine Mutter hat immer gearbeitet, nie krank gemacht, auch wenn sie krank war", sagt eine Frauenstimme. Sie reden viel über die harte Arbeit, mit der sie sich identifizieren, von der Chance auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Von Eltern, die ihre Kinder dazu anhalten, eine ordentliche Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren. Und von dem Leben in dem Viertel, das von Tradition und Umbruch erzählt. "Das Viertel hat die Menschen gewählt", sagt einer. Der Rundgang bietet einen anderen Blick auf das in Verruf geratene Viertel an.

Die App führt mich zwischen die Regale des Supermarkts Al Hoceima, ein Traditionsgeschäft. Leckere eingelegte Zitronen gebe es da, heißt es, und schon stehe ich davor. Aus dem Smartphone erzählt ein marokkanischer Mann von seiner deutschen Ehefrau, die ihm während des Ramadan Butterstullen machte. Die App möchte, dass ich aktiv werde: Ich soll mit den Menschen ins Gespräch kommen, den Weg finden zu einem Café namens "Riff". Der Mann hinter der Oliventheke zeigt ihn mir.

Immer wieder soll ich mir Gedanken machen: "Als du 15 warst - was hast du dir vorgestellt, wo du mit 20 sein würdest? Mit 30? Mit 40?" Mir wird klar, dass ich eigentlich kaum etwas über Marokko weiß: "Wie viele Fußballteams hat Casablanca in der 1. Liga und wie heißen sie?", fragt die App. Es gibt noch mehr zu erzählen, etwa von den Dynamiken, die das Viertel beherrschen, und von seiner medialen Inszenierung. "Geschichte wird gemacht", steht jetzt auf dem Display, und von den Polizei-Razzien unter dem Decknamen "Casablanca" ist die Rede. Ich scrolle mich durch Schlagzeilen, die App verspricht mir Bonuspunkte, sollte ich drei von ihnen lesen. "Süddeutsche Zeitung", "Taz" und "Faz" schreiben über Oberbilk und sprechen von dem "Gesetz der Straße", von "nordafrikanischen Diebesbanden" und von der "Heimat der Macho-Gangster".

Vor einer Bäckerei, aus der es nach Gebäck und Minztee riecht - die Bäckereien soll ich zählen, ich zähle auf einen Schlag fünf an der Zahl - sitzen an einem kleinen runden Tisch ältere Männer und trinken Tee. Wer eine Pause braucht, um sich zum Beispiel mit den Menschen zu unterhalten, der kann die Route hier einfach unterbrechen und später weitermachen.

(lhen)
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