„Was ihr wollt“ im Düsseldorfer Schauspielhaus: Ob Mann oder Frau, ist doch egal

„Was ihr wollt“ im Düsseldorfer Schauspielhaus : Ob Mann oder Frau, ist doch egal

Im Schauspielhaus verkörpern Jugendliche hinreißend sich selbst – angeregt von Shakespeares „Was ihr wollt“.

Ein Vorhang teilt Bühne und Zuschauerraum des Kleinen Hauses im Düsseldorfer Schauspielhaus. So weit ist es gekommen im Streit zwischen Jungs und Mädels darüber, wie man Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ heutzutage aufführen soll. Ob Frauen überhaupt lustig sein können, fragen die einen. Die anderen finden das Stück albern, weil es nur drei weibliche Figuren aufbietet und am Ende alle in eine Ehe entlässt.

Von vornherein geht es turbulent zu in Joanna Pramls Inszenierung „nach William Shakespeare“, denn die meisten der 13 Laiendarsteller bersten vor Temperament und Bewegungsdrang. Schließlich sind sie erst um die 16 und damit im besten Alter, sich über Geschlechterrollen aufzuregen.

Rasch wird klar, dass der Vorhang – links die Jungs, rechts die Mädels – keine Lösung ist. Schon deshalb nicht, weil manche sich ihres Geschlechts noch nicht sicher sind. Es geht laut zu wie auf einem Schulhof, wenn alle die Rollenerwartungen der Erwachsenen beklagen: Wir leben in einer ach so freien Gesellschaft, aber was sagen denn Eltern und Großeltern, Lehrerinnen und Lehrer, wenn ein Junge mal im Kleid zur Schule geht? Auch das Theater wird an solchen Einstellungen nichts ändern, denn dort geben „weiße und alte Männer“ den Ton an.

Das Klagen hätte kein Ende, wenn nicht zwischendurch immer wieder Shakespeares Handlungsgerüst zum Tragen käme. Jetzt zieht erst einmal ein Sturm auf und verschlägt die Jugendlichen auf die wundersame Insel Illyrien, ein Paradies für 16-Jährige mit den Verheißungen Liebe, Musik, keine Verbote und keine Erwachsenen.

Doch selbst im Reich der Freiheit ist es mit der Liebe nicht so einfach. Was, wenn ein Mädchen einen Jungen und gleichzeitig ein Mädchen liebt? Und was, wenn sich ein Junge eher wie ein Mädchen fühlt?

Was stellenweise wie eine Komödie der Wirrungen daherkommt, ist in Wahrheit nur an der Oberfläche lustig. Je weiter die Aufführung in ihren anderthalb Stunden fortschreitet, desto mehr setzt sie auf den Kontrast von Übermut und Besinnung. Zu den überbordenden Szenen zählt eine Tanzeinlage, in der sich die grell kostümierten Jugendlichen unter Stroboskop-Licht je mit einer Bierflasche in der Hand im Disco-Fieber austoben. Das nimmt, ins 21. Jahrhundert übertragen, auf Shakespeares „Zwölfte Nacht“ Bezug, die im englischen Original dem Titel „Was ihr wollt“ vorangestellt ist: die Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, in denen die Menschen einst durch Karneval ihre Furcht vor der Dunkelheit des Winters bekämpften.

Gegen Ende der Aufführung wird es dagegen oft still, in den Blickpunkt rücken zusehends Individuen. Viele, vielleicht alle spielen sich selbst und machen sich verletzlich, wenn sie die Bühne betreten. Ihr Mut und ihr Selbstbewusstsein fordern Respekt.

Wer in dieser freien Fassung von „Was ihr wollt“ Viola oder Orsino, Malvolio oder Toby ist, lässt sich trotz Namensschildchen oft nicht zuordnen. Denn als „Olivia“ zum Beispiel sind mehrere Darstellerinnen und Darsteller markiert. Die Lust an der Verkleidung, am Rollentausch erschwert es zusätzlich und absichtsvoll, die Personen des Stücks auseinanderzuhalten. Am Ende trennt sich auch die Handlung von der Vorlage. Während Shakespeare alle Verkleideten in ihr wahres Geschlecht zurückschickt, sie mit ihrer richtigen Partnerin, ihrem richtigen Partner zusammenführt und damit die Welt scheinbar wieder in Ordnung bringt, verweigern die Düsseldorfer Jungs und Mädels dieser Ordnung den Gehorsam und rufen ihre eigene Lebensart aus: „Ob ich eine Frau liebe oder einen Mann, ist doch eigentlich egal.“ Zum Schluss umarmen die Darsteller aufgereiht einander und versichern dem Publikum und sich selbst, dass niemand sich für irgendetwas schämen müsse.

Obwohl dieses Ende angesichts der ungeschriebenen, dennoch höchst wirksamen Verhaltensregeln in unserer Gesellschaft kaum weniger märchenhaft erscheint als dasjenige von Shakespeare, gab es ausdauernden Beifall – für eine Jugend, die Konventionen spielerisch aufbricht und auch beziehungsmäßig endlich ein prima Klima schaffen will. Und speziell für Darsteller, die unter Anleitung der Regisseurin glaubwürdig wie Profis agierten. Joanna Praml war denn auch der eigentliche Star des Abends. Vielleicht ist ihre „Bürgerbühne“ die Zukunft des Theaters – oder doch zumindest ein verheißungsvoller Seitenweg.

Mehr von RP ONLINE