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Düsseldorfer Schauspielhaus: Warum Staffan Holm als Intendant scheiterte

Düsseldorfer Schauspielhaus : Warum Staffan Holm als Intendant scheiterte

Der Düsseldorfer Intendant war als Regisseur defensiv, wählte düstere Stoffe und kam auch im öffentlichen Leben nicht an.

Goldene Wände hatte er sich bauen lassen für seinen "Hamlet", den großen Auftakt seiner Intendanz in Düsseldorf. Staffan Valdemar Holm wollte mit Shakespeares bedeutender Tragödie ein Zeichen setzen für das neue ernsthafte Schauspielertheater, das ihm vorschwebte.

Doch dann verzögerten sich die Renovierungsarbeiten am Schauspielhaus, seine Endproben musste er auf einer Baustelle absolvieren. Und am Ende wurde seine Inszenierung nicht als goldene Verheißung wahrgenommen, nicht als wegweisend für deutsche Bühnenkunst. Holms Theatersprache war nicht markant genug. Zu defensiv setzte er auf genauen Umgang mit dem Text — inszenierte aber mit alten Mitteln. Da war kein Aufbruch zu spüren, nichts Neues zu sehen zwischen den güldenen Wänden. Man hatte mehr erwartet in Düsseldorf — wie so oft.

Enttäuschung aber ist ein Gift, das sich schnell ausbreitet und alles lähmt. Dagegen anzukämpfen, kostet Kraft. Staffan Valdemar Holm hat sie nicht gehabt. Psychisch und physisch erschöpft legt er nun sein Amt nieder. Das ist tragisch — für ihn und für sein Theater.

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Holm hat viel gearbeitet in seiner kurzen Zeit in Düsseldorf, hat mit "Hamlet" und "Richard III." zwei große Tragödien auf die Bühne gebracht, das feine Thomas-Mann-Stück "Klaus und Erika" für Kinder inszeniert und einen Piaf-Abend eingerichtet. Man sah ihn oft in seinem großen Haus am Gründgensplatz oder beim Wein mit seinen Schauspielern im Restaurant nebenan. Er wollte doch eine Truppe formen, mit seinen Hausregisseuren eine Ästhetik entwickeln, die eigenwillig und unverwechselbar sein sollte. Von der alten Schaubühne in Berlin, von Peter Stein, Luc Bondy, redete er anfangs oft. Später dann nicht mehr.

Da musste er schon Fragen nach Auslastungszahlen beantworten und seinen Etat gegen sparentschlossene Politiker verteidigen. Unter Kollegen hat Holm das Respekt verschafft. Ihn selbst muss es Nerven gekostet haben. Und wenn dann einer ein dunkles Gemüt besitzt, wenn er den Tod des Vaters, die Krankheit der Mutter zu verkraften hat, sich die Schulter bricht und Schmerzen betäuben muss, dann kann das alles zu viel werden.

Der Erwartungsdruck ist hoch in Düsseldorf. Das hat schon Holms Vorgängerin Amélie Niermeyer zu spüren bekommen, die als hochgelobte Theaterfrau aus der Freiburger Provinz kam, dann aber nicht genug Profil entwickelte, um überregional Beachtung zu finden. Auch sie trat als Regisseurin und Theaterleiterin an und wurde an den eigenen Inszenierungen gemessen. Die doppelte Aufgabe ist schwer, doch sie ist auch eine Chance, wie man in Köln an Karin Beier sehen kann.

In Düsseldorf aber klafft oft diese Lücke zwischen Erwartung und Realität. Das mag daran liegen, dass das Schauspielhaus als Staatstheater mit 23 Millionen Euro sehr gut ausgestattet ist. Vielleicht ist es leichter, wie etwa Peter Carp in Oberhausen ständig am finanziellen Abgrund zu stehen und dann doch Beachtliches zu leisten. Der Underdog hat Sympathievorschuss. Düsseldorfer Intendanten müssen beweisen, dass sie ihr Geld auch wert sind, dass ihr Haus seinen Etat verdient, sie stehen in der Bringschuld. Dazu müssen sie dem Vorurteil begegnen, eigentlich liege ihr Theater doch nur am Ende der Kö und müsse ein Publikum bedienen, das vor allem im Foyer flanieren will. Dabei sind die Düsseldorfer Zuschauer zugleich weltoffenen und konservativ in ihren Ansprüchen, sie gehen auch mal in anderen Städten ins Theater und merken sofort, wenn das Niveau nicht stimmt.

Holm hat mit schlechten Auslastungszahlen kämpfen müssen. Doch muss man ihm zugestehen, dass jeder neue Theaterleiter Zeit braucht, um seine Ideen zu vermitteln. Dieser Prozess kam gerade in Gang am Schauspielhaus. Dass Holm sich trotzdem mit der Politik auseinandersetzen, sich für die Zahlen rechtfertigen musste, hat sicher zu seiner Erschöpfung beigetragen. Im öffentlichen Leben seiner Stadt ist Holm ohnehin nie angekommen. Seine skandinavische Lakonie, sein ironischer Humor taugen für anregende Gespräche im kleineren Kreis. Er ist ein kluger Kopf, doch ein Theaterpatriarch, der Repräsentant eines Staatstheaters, ist er nicht geworden.

Diese Vorstellung existiert aber in der Landeshauptstadt, denn es gab dort Intendanten vom Format eines Gustaf Gründgens oder Karl Heinz Stroux. Es gab auch den Intellektuellen Volker Canaris und den klugen Günther Beelitz, der den Rheinländer verstand in seinem Bedürfnis, nicht unterschätzt zu werden, sich aber auch mal amüsieren zu dürfen.

Dieses Gespür hat Holm nicht entwickelt. Er weigerte sich, seine Spielzeiten unter ein Motto zu stellen. Das erschien ihm dümmlich naiv. Doch war schwer zu erkennen, worauf er mit seiner Stückewahl zielte. Viele düstere Stoffe sind in Düsseldorf zu sehen. Erstklassige, aber auch sperrige Inszenierungen wie Stéphane Braunschweigs "Tage unter" etwa. Dazu Gastspiele aus dem Ausland, die große Kennerschaft voraussetzen. Das war anspruchsvoll gedacht, doch ist ein Stadttheater nun mal kein Festival.

Holm hat intelligente Regisseure wie Falk Richter an sein Haus geholt, vertraute auf die Spiellust eines Nurkan Erpulat. Doch er beging auch personelle Fehler, versuchte etwa nicht, Stefan Fischer-Fels im Jungen Schauspielhaus zu halten, sondern gab die Jugendbühne in die Hand von Barbara Kantel. Doch die will kein spezifisches Jugendtheater mehr machen. Alle Schauspieler für alle Generationen spielen zu lassen, ist aber keine gute Strategie für eine starke Jugendbühne.

Es lief nicht gut am Schauspielhaus. Doch Holm ist nicht einfach geflohen. Er hat sich vor seine Mitarbeiter gestellt, hat offen über seine psychischen Probleme geredet. Das verlangt Mut. Auch spricht es für seine Geradlinigkeit, dass er die "Peer Gynt"-Inszenierung im März nicht aufgibt. Er will Düsseldorf noch zeigen, welche ästhetische Sprache er spricht, welcher Künstler in ihm steckt — welcher Kern in der Zwiebel.

Dass ein künstlerisches Scheitern menschlich so harte Konsequenzen hat, ist das Tragische am Fall Holm. Es gehört zum Theaterbetrieb, dass Künstler hinwerfen. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Doch bleibt das dumpfe Gefühl zurück, dass der Preis diesmal zu hoch sein könnte — für den Menschen Holm und für sein Theater.

(RP/ila/top)