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Comedian Harmonists in Düsseldorf: Unvergängliche Lieder aus dunkler Zeit

Comedian Harmonists in Düsseldorf : Unvergängliche Lieder aus dunkler Zeit

Im Düsseldorfer Schauspielhaus gewinnen die Comedian Harmonists neue Freunde und Riesenapplaus. Die Live-Musik ist das Beste.

Irgendwo auf der Welt gab es mal ein Gesangsensemble, das Lieder vortrug, die sich bis heute ins Gedächtnis eingeprägt haben. Mit "Irgendwo auf der Welt" beginnt auch eine seiner berühmten Weisen, die von der Suche nach dem kleinen bisschen Glück erzählt. Berührend ist das. Weil es in Deutschland geschah, Ende der Zwanziger Jahre. Sechs musikalisch hochbegabte Männer fanden sich zu einem Sextett zusammen, fünf Sänger und ein Pianist. Sie träumten davon, groß herauszukommen. Nach Anlaufschwierigkeiten waren sie fast so angesagt wie ihre amerikanischen Vorbilder, die "Revelers".

In Deutschland feierte man sie, bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen. 1928 hatten sie ihren ersten großen Auftritt, 1935 mussten sie auseinandergehen. Drei der sechs Deutschen waren Juden oder galten als sogenannte "Nicht-Arier". Die Gruppe zerstritt sich. Und sie stürzte vom Erfolgsplaneten hinunter, erhielt Auftrittsverbot. Ihre Musik durfte in Nazi-Deutschland nicht mehr gespielt werden.

Es ist fürwahr ein Stoff, der zur Revue einlädt, zur Abfolge von Live-Musiknummern, die bestmöglich vorgetragen werden. Doch erzwingt der Stoff heute, 80 Jahre danach, nicht parallel die historisch-politische Einordnung, womöglich sogar die Bewertung? Ohne all dies wurde das Stück im Großen Haus in Düsseldorf von Mathias Schönsee neu eingerichtet. In der Folge von Pleschinskis "Königsallee" und Klaus Manns "Mephisto" ist es die dritte Produktion, die die Zeit des Nationalsozialismus thematisiert. Und auch dieses Mal erschließt sich der historische Kontext nicht aus dem Bühnengeschehen. Es bleiben Leerstellen, an denen vor allem das einfallslos-fade Bühnenbild schuld ist: ohne Räumlichkeit, ohne Hinterhalt, ohne Heimeligkeit - ohne Fahnen und Bilder aus jener Epoche. Um die Dramatik der damaligen Zeit zu begreifen, um die verschlüsselten Botschaften in den Liedern, die verzweifelten Handlungen einzelner Mitglieder zu verstehen, bedarf es großen Vorwissens.

Wer darüber nicht verfügt oder nicht der Generation 60 Plus angehört, wird den Abend anders sehen und dennoch genießen. Denn die Musik ist - wenn auch von vorgestern - so doch berührend, witzig, unvergänglich. Und die versammelten Darsteller sind gute Sänger, die sich im Verlaufe des Abends noch steigern. Allerdings könnte die Feinabstimmung der tiefen und hohen Lagen besser ausfallen, bei manchen Liedern geht die Melodie völlig unter, man hört zu viel Bass, und man glaubt fast, die Stücke seien umgeschrieben worden. Leise Unsauberkeiten trübten dazu den ersten Teil, im zweiten Teil merkt man, dass das wohl der Nervosität geschuldet war. Benjamin Hoffmann, Moritz von Treuenfels, Dominik Raneburger, Andreas Helgi Schmid und Heisam Abbas geben gute Harmonists ab, der Mann am Klavier ist ein Glücksfall. Danny Exnar spielt das Leichte wie das Diffizile mit perlender Virtuosität, im Takt jener Zeit swingend. (Einstudierung: Klaus-Lothar Peters). Sehr wandelbar füllt Lutz Wessel mehrere Rollen aus.

Angesichts der mageren dramaturgischen Einfälle und des schwachen Bühnenbildes zieht sich das Stück in der ersten Hälfte. Nach der Pause wird mehr gezeigt, mehr gespielt und gesungen. Die Lieder bestehen auch ohne das Atmosphärische der Golden Twenties und das Düstere der Nazizeit. Das Publikum freut sich dran, applaudiert dem "Kleinen grünen Kaktus", dem "Guten Freund" und so kessen Weisen wie "Veronika". Mit Eichendorffs Vers "In einem kühlen Grunde . . . ich möcht' am liebsten sterben" verglüht der Abend, der zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt alle Stimmungslagen auslotet.

Das begeisterte Publikum fordert zwei Zugaben heraus und geht mit dem Lied vom "Guten Mond" auf den Lippen nach Hause.

(RP)