Überraschungen beim Düsseldorf Festival: Musik mit allen Mitteln

Überraschungen beim Düsseldorf Festival : Musik mit dem Milchaufschäumer

Beim Düsseldorf Festival treten Musiker auf, die verblüffend mit Konzert-Gewohnheiten spielen. Eine Übersicht.

Der Begriff „Crossover“ ist inzwischen etwas vergilbt. Als er in Mode kam, markierte er einen Trend zur Überwindung von Genre-Grenzen und Konzertkonventionen. Der Trend hält an, weiterhin werden ungewöhnliche Orte erschlossen, die Methoden verfeinert und radikalisiert. „Augmented listening“, erweitertes Hören, heißt ein neues Label dieser Bestrebungen. Auch in diesem Jahr verspricht das Düsseldorf Festival – das zu den Pionieren dieser Strömung zählt – eine Reihe von Konzerten, die gewohnte Hör-und Konsum-Gewohnheiten durchkreuzen.

Das radikalste Beispiel ist die Formation Wooden Elephant, die mit Konventionen in umgekehrter Richtung bricht. Denn die fünf mit Streichinstrumenten ausgerüsteten Musiker arbeiten sich nicht am Klassik-Kanon ab, sondern an Popmusik, die sie mit den Mitteln der Klassik hinterfragen. Wooden Elephant erzeugt elektronische Klänge auf Streichinstrumenten, benutzt aber auch Objekte wie Kleiderbügel und Milchaufschäumer. Nach Björk und Radiohead nimmt die Formation sich nun Beyoncés Konzeptalbum „Lemonade“ vor.

Heiligtümer der Alten Musik stehen dagegen im Mittelpunkt dreier Konzerte, an deren Konzeption die Cembalistin Elina Albach mit unterschiedlichen Ensembles maßgeblich mitgewirkt hat. Das Konzert „Goldberg-Variationen“ bricht Bachs berühmtes Werk in mehrfacher Hinsicht auf: Statt Cembalo solo kommen Barockvioline, Barockviola, Barockharfe, Cembalo und Orgel zum Einsatz, um die kontrapunktischen Dimensionen der 30 Variationen zugänglicher zu machen. Das Publikum sitzt nah am Geschehen, zudem erzeugen kreisförmig angeordnete Lautsprechersysteme den Eindruck, als sitze man direkt zwischen den Instrumenten. Lichtregie und eine Videoinstallation unterstreichen zudem den zyklischen Charakter des Werks.

Auf Reduktion setzt dagegen die Bearbeitung von Bachs „Johannespassion“, arrangiert für Tenor, Cembalo und Schlagwerk. Der isländische Tenor Benedikt Kristjánsson erzählt die gesamte Passion im Alleingang, indem er nicht nur alle biblischen Rollen übernimmt, sondern auch die Arien und Chöre singt. Unberührt bleiben die Rezitative, der erzählerische Kern der Passion. Und die Choräle werden – wie zu Bachs Zeit – gemeinsam mit dem Publikum gesungen.

Einen Abend über die Macht der Musik verspricht die Produktion „Schlafes Bruder“, bei der sechs Instrumentalisten und ein Schauspieler die fantastischen Geschichten aus Robert Schneiders bekanntem und verfilmtem Roman „Schlafes Bruder“ mit barocker und zeitgenössischer Musik und gesprochenem Wort erzählen. Auch in diesem experimentellen Konzert vertiefen Licht- und Tonregie die musikalischen Eindrücke.

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