Serie Düsseldorf In Kunstwerken: Typische Westdeutsche in "Homo faber"

Serie Düsseldorf In Kunstwerken : Typische Westdeutsche in "Homo faber"

Max Frisch hat sich für seinen Roman "Homo faber" zwei Düsseldorfer ausgedacht. Damit kritisiert er das Deutschland der Nachkriegszeit.

"Homo faber" ist einer der bekanntesten, meistgelesenen, wenn auch nicht besten Romane des Schweizers Max Frisch (1911-1991). In der Anthropologie unterscheidet der titelgebende Begriff den modernen Menschen von früheren Epochen durch dessen Vermögen, seinen Lebensraum gezielt zu verändern. Bei Frisch ist Homo faber ein Ingenieur mit streng rationaler Weltanschauung. Dieser Walter Faber trifft durch eine Verkettung unwahrscheinlicher Ereignisse nacheinander auf seinen verstorbenen Jugendfreund, seine unvergessene Jugendliebe und seine Tochter, von deren Existenz er nichts ahnt. Unwissentlich geht Faber mit dieser Frau eine tragisch endende Liebesbeziehung ein. Erst am Ende erkennt er seine Verfehlungen und Versäumnisse. Todkrank will er sein Leben wandeln. Ausgerechnet er, der nicht an schicksalhafte, irrationale Fügungen glaubte, ist zum Opfer des Zufalls geworden.

Man braucht nicht lange zu lesen, bis man in dem Roman erstmals auf das Wort "Düsseldorf" trifft. Schon auf Seite zwei heißt es über eine Bekanntschaft im Flugzeug: "Er kam aus Düsseldorf, mein Nachbar, und so jung war er auch wieder nicht, anfangs Dreißig, immerhin jünger als ich; er reiste, wie er mich sofort unterrichtete, nach Guatemala, geschäftlich, soviel ich verstand. Wir hatten ziemliche Böen."

Walter Fabers Sitznachbar heißt, wie sich herausstellt, Herbert Hencke, zählt zur Leitung der Düsseldorfer Hencke-Bosch GmbH und verkörpert in Frischs Darstellung den, wie er es sieht, typischen Westdeutschen der Nachkriegszeit: mit einem Bein im Wirtschaftsaufschwung, mit dem anderen noch im braunen Sumpf der Vergangenheit.

Yahya Elsaghe, Germanistikprofessor an der Universität Bern, hat in der französischen Zeitschrift "Germanica" (48, 2011) das Düsseldorf-Bild von "Homo faber" scharfsinnig untersucht und eine Antwort auf die Frage gefunden, warum Frisch ausgerechnet diese Stadt in seinen Roman einbaute: Sie war "für das ,neue' Deutschland, das neue Westdeutschland, unter mehr als einem Aspekt repräsentabel. Anders als etwa Stuttgart lag sie nahe an den politischen Machtzentralen der Bundesrepublik, ja in Bonns unmittelbarem Einzugsgebiet. Im Krieg ,gut' zur Hälfte zerstört, wurde sie wiederaufgebaut - unter Architekten übrigens, die aus Albert Speers Planungsbüro kamen."

Elsaghe fügt an, dass die Wahl wohl auch deshalb auf Düsseldorf fiel, weil es die Hauptstadt des wichtigsten und bevölkerungsreichsten Bundeslands war, dazu Zentrum des deutschen Wirtschaftswunders, "zu dessen ,Vertretern' Herbert Hencke und zu dessen Profiteuren seine ,Gesellschaft mit beschränkter Haftung' gehört". Aus mehreren Äußerungen Henckes im Roman schließt der Germanistikprofessor, Herbert sei unterschwellig immer noch Nazi, obwohl er sich davon distanziert.

Eine weitaus bedeutendere Rolle als Herbert Hencke spielt im Roman sein verstorbener Bruder Joachim, gleichfalls aus Düsseldorf. Für Walter Faber war der frühere Züricher Mitstudent "mein einziger wirklicher Freund". Wie Herbert kommt auch Joachim nicht gut weg in Frischs Roman. Auch er verkörpert einen strikt rationalen Zugang zur Welt. Er meldete sich freiwillig zur Wehrmacht, geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte später nach Düsseldorf zurück. Seinen Selbstmord auf seiner Plantage in Guatemala inszeniert er so, dass er bis zur Ankunft seines Bruders unbemerkt bleibt, damit Herbert den Betrieb umstandslos weiterführen kann.

"Mein Düsseldorfer", so hatte Walter Faber seine Zufallsbekanntschaft im Flugzeug jovial und zugleich ein wenig spöttisch genannt. In dieser zwiespältigen Haltung scheint sich auch die Sicht des Autors zu spiegeln, der sich die Firma "Hencke-Bosch GmbH" ausgedacht hat: den Namen eines real existierenden Großunternehmens aus Stuttgart, dessen Tochter Dreilinden Maschinenbau im "Dritten Reich" mit Zwangsarbeitern einen Rüstungsbetrieb in Kleinmachnow unterhielt, und als Ort eine Stadt, die zum Inbegriff des Wirtschaftswunders wurde.

Max Frisch hat in "Homo faber" nur seine beiden Düsseldorfer beschrieben, dazu eine Filmvorführung, nicht aber die Stadt selbst. Die ehrte ihn später dennoch. 1989 bekam Frisch den Heinrich-Heine-Preis. Der Erstdruck von "Homo faber" lag da schon mehr als drei Jahrzehnte zurück. Wenige Monate nach Frischs Tod erregte der Roman dann doch noch einmal Aufsehen: durch Volker Schlöndorffs Verfilmung.

(B.M.)