Düsseldorf: "Tschick" erklärt, worauf es im Leben ankommt

Düsseldorf : "Tschick" erklärt, worauf es im Leben ankommt

Die Premiere von Wolfgang Herrndorfs für die Bühne bearbeitetem Jugendroman fesselt in jedem Moment. Glänzende Schauspieler neu im Engagement.

Millionen Menschen lieben "Tschick" - junge wie erwachsene. Jetzt ist der zeitgeistige Heldenroman über jugendliche Querköpfe endlich in Düsseldorf angekommen. Das noch vor Goethes Werken am meisten aufgeführte Stück auf deutschen Bühnen, das Roadmovie, das seinen Autor Wolfgang Herrndorf mit einem Schlag und über dessen Freitod 2013 hinaus berühmt gemacht hat, hatte am Wochenende Premiere. Der für die Bühne bearbeitete Bestseller über zwei sympathische Ausreißer ist bei aller Rotzigkeit und Anarchie auf wunderbare Weise eine Ode an ein Leben in Freiheit, ein Plädoyer für den Kern im Leben, auf den es ankommt - für Mitmenschlichkeit, Liebe und für echte Freudschaft.

Die Düsseldorfer Intendanz hat "Tschick" in ihrem Jungen Schauspielhaus, draußen in der Vorstadt, angesetzt, was eine kluge Entscheidung ist. Neu engagierte, junge Schauspieler, frisch von der Schauspielschule, geben die Protagonisten. Die Bühnenbildnerin Nadia Schrade, die Kostümbildnerin Juliane Schreiber, der Regisseur Jörg Schwahlen - sie alle sind der Generation, die sie auf der Bühne inszenieren, nicht fern.

Wer sich vorher vielleicht nicht vorstellen kann, wie man die komplex und höchst anschaulich erzählten Episoden mit Rückblicken und dynamischer Abenteurer-Autotour auf einer Bühne überhaupt nachstellen kann, dem wird es hier mit ganz normalem Bühnenzauber und in jedem Moment vorgeführt. Ein Glücksfall ist es, dass die menschliche Fantasie imstande ist, selbst eine nur aus Holzkästen gebaute Welt komplex umzudeuten, dass diese Kisten sich zu Müllhalden und Seen fügen können, zu Wohnungen und Klassenzimmern auftürmen, zu Gerichten und Krankenhäusern ebnen. Das Tempo der Erzählung liefern die Sprecharten, die Worte sind es letztlich, die Atemlosigkeit erzeugen. Momente tiefster Reflexion werden mit wohl dosierter Rockmusik noch deutlicher.

Das Postulat der Regie ist klar: Wir machen Theater ohne Firlefanz, wir lassen sprechen und sehr präzise, ja deutlich miteinander umgehen. Die beiden Jungen um die 14, die in der Schule aufeinandertreffen, könnten gegensätzlicher nicht sein. Maik hält die Schultern nach innen gewendet, lässt den Kopf meist hängen. Tschick geht aufrecht wie ein Pfau, jeder seiner Schritte kann eine Bedrohung sein, jedes Wort ein Messer. Der eine ist trotz bürgerlichen Hintergrunds unscheinbar, problembeladen und lebensuntüchtig, der andere, ein verwahrloster russischer Aussiedler, auf Abenteuer, Ausbruch und Krawall gepolt. Tschick wird Maik das Leben lehren, beide werden Fesseln ablegen und Vorurteile aufgeben. Das Mädchen Isa, auf das sie treffen, lebt in einer noch größeren und freieren Welt, als sie sie sich erträumen. Mit Isa, die auf der Müllhalde lebt und unterm Sternenhimmel schläft, eröffnen sich Perspektiven. Und die Liebe kommt ins Spiel.

Ohne Längen erzählt das Stück von der ereignishaften Odyssee der Jungen, die zwar vor Gericht endet, aber ihre Freundschaft besiegelt. Die großen Jugendthemen kommen vor, die Sprache ist natürlich und niemals übersteuert. Dominik Paul Weber durchschwitzt die Fortentwicklung des sensiblen Maik zu einem selbstbewussten Kerl auf nachvollziehbare Weise. Jasmina Music verleiht jeder weiblichen Figur Lebendigkeit und Überzeugungskraft. Und dann ist da der hinreißende Tschick, der nebenbei noch Vater und Lehrer spielen muss: Philip Schlomm macht das ganz groß, genau, hingebungsvoll, drastisch. So ist das ganze Stück zu bewerten.

(RP)
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