Theaterpädagogin Saliha Shagasi: Vermittlerin zwischen den Welten

Theaterpädagogin Saliha Shagasi : Mittlerin zwischen den Welten

Saliha Shagasi ist Theaterpädagogin am Jungen Schauspiel. Die 28-Jährige bringt Bühne und Besucher zusammen.

Ankommen in Düsseldorf und sofort loslegen – das war ganz nach dem Geschmack von Saliha Shagasi. Kurz vor der Sommerpause hat sich die neue Theaterpädagogin am Jungen Schauspiel mit ihren Aufgaben vertraut gemacht. „Ich freue mich, dass ich gleich richtig einsteigen und Verantwortung übernehmen konnte“, sagt sie. Die erste Premiere, die sie betreut, ist zugleich die erste der Spielzeit: die Uraufführung von „Der kleine Prinz und die Krähe“ von Martin Baltscheit am 15. September. „Ein schönes Stück“, sagt sie. Schön findet sie auch das Haus an der Münsterstraße, „vor allem liebe ich den Garten“.

Saliha Shagasi (28) wohnt in Köln und will vorerst pendeln. Als gebürtige Krefelderin ist ihr Düsseldorf nicht fremd. Sie erinnert sich an viele Fahrten mit der U76 in die Stadt, zum Ausgehen und zum Arbeiten. Während ihres Studiums jobbte sie zwei Jahre in einem Schmuckgeschäft an der Kö.

Dennoch hatte sie zunächst mit ihrer Bewerbung gezögert, als sie die Ausschreibung der Stelle am Jungen Schauspiel las. Auf dem Kölner Theater-Terrain kannte sie sich weit besser aus, war bestens vernetzt und hatte über Jahre die Chance, viele Projekte zu realisieren. Als Performerin in der freien Szene, als künstlerische Produktionsleiterin und Regieassistentin des renommierten Theaterpädagogen Bassam Ghazi am Schauspiel Köln. Ein Anruf von Stefan Fischer-Fels, dem Leiter des Jungen Schauspiels, lockte sie schließlich doch zum Gespräch nach Düsseldorf. „Ganz unabhängig von den Stücken begeisterten mich die Möglichkeiten an dieser Bühne. Ich habe den Eindruck, hier geht ungewöhnlich viel, besonders bei Kooperationen mit Schulen und Kindergärten.“ Eine Woche später war dann alles klar.

Sie gehe mit großer Motivation an die Arbeit, sagt Saliha Shagasi. „Aber auch mit ein bisschen Ehrfurcht. Vielleicht, weil ich als Theaterpädagogin noch nie so konkret an einem großen Haus wie diesem gefordert war. Da muss ich erst mal reinwachsen.“

Über Schwerpunkte, die sie setzen will, hat sie sich schon Gedanken gemacht. „Ich finde Netzwerken total gut. Wo immer ich kann, werde ich meine Finger ausstrecken, um Leute zusammenzubringen.“ Als politisch wache Frau ist ihr das Thema Rassismus ein Anliegen. „Es gibt Gründe, warum Menschen rassismuskritischer sind als andere. Bei mir ist es ja offensichtlich.“ Ihr Vater kam aus Afghanistan nach Deutschland, lernte in Schweinfurt ihre bayerische Mutter kennen und zog mit ihr nach Krefeld. Saliha Shagasi wuchs mit drei Geschwistern auf. Sie besuchte eine Katholische Privatschule, die siebte Klasse hat sie übersprungen. Am Krefelder Jugendtheater Kresch kam es zur ersten Berührung mit der Bühne. Mit 14 Jahren begann sie zu spielen und zu inszenieren. „Man entdeckt dann plötzlich seine Liebe. Darum finde ich den Knotenpunkt von Schule und Theater auch so wichtig.“ Das Stück „Hilfe, die Herdmanns kommen“ ist ihr unvergessen. „Ich spielte die Eugenia, die schönste Rolle“, schwärmt sie. „Auf der Bühne trug ich ein cooles Outfit und durfte Zigarre rauchen – oder so tun, als ob.“

Damals liebäugelte sie durchaus damit, Schauspielerin zu werden. Trotz des begonnenen Studiums von Englisch und Erziehungswissenschaften sprach sie an zwei Schulen vor – und beschloss, es zu lassen. „Nicht meine Welt. Die Dynamiken, die ich dabei kennenlernte, missfielen mir“, sagt sie. „Es gibt Unterschiede zu dem, was auf der Bühne und hinter den Kulissen abgeht. Ich hatte das Gefühl, ich gehöre da nicht rein.“

Der Theaterszene in Köln und Krefeld blieb Saliha Shagasi dennoch verbunden. Hinfort studierte sie Lehramt für sonderpädagogische Förderung mit der Spezialisierung ästhetische Bildung, entwickelte eigene Stücke für ihre Bachelor- und Master-Arbeit und brachte sie zur Aufführung. Fest verwoben im Theaterkosmos, meldete sich während der großen Flüchtlingswelle 2015 ihr schlechtes Gewissen. Sie fragte sich, ob sie sich vor dem Hintergrund ihrer Familiengeschichte und ihrer Sprachkenntnisse nicht mehr um die Neuankömmlinge kümmern müsste.

Bei Theaterprojekten mit Geflüchteten hatte sie allerdings zwiespältige Gefühle: „Ich glaube, dafür gibt es kein Bedürfnis, wenn du nicht weißt, was aus deiner Familie wird und wo du morgen wohnen wirst.“ Natürlich berührt Saliha Shagasis Herkunft auch ihre Arbeit als Theaterpädagogin. „Sicher werde ich Projekte machen, bei denen es um Migration geht“, hat sie sich vorgenommen. „Ich sehe mich aber nicht als Aushängeschild, nur weil ich diese Wurzeln habe.“

Mehr von RP ONLINE