Theaterfestival in Düsseldorf: Impulse-Festival 2019 startet mit Turnen

Theaterfestival in Düsseldorf : Impulse-Festival startet mit Turnen

In Düsseldorf hat das wichtigste Festival der freien Theaterszene begonnen.

Die guten Nachrichten zuerst: Das Impulse-Theater-Festival hat einen Ansatz gefunden, seine Eröffnungsreden zu inszenieren. Im Tanzhaus NRW waren sie eingebettet in die starke Tanz-Choreographie „Witness“ von Reut Shemesh, die sich mit der Tradition des Gardetanzes auseinandersetzt – und damit als Kommentar zu einer wichtigen Tradition Düsseldorfs zu lesen ist. Auch der „Zweite Versuch über das Turnen“ der Gruppe Hauptaktion überzeugte als große Recherchearbeit mit überraschenden Perspektiven auf die Geschichte des deutschen kollektiven Bewusstseins.

Reut Shemesh hat die Ausschnitte von „Witness“ mit der Tanzgarde der Landeshauptstadt einstudiert. Auf den ersten Blick wirkt die Aufführung deshalb, als könne sie auch im Karneval stattfindet. Doch der perfekte Bewegungsablauf offenbart bald Brüche: Eine tanzt aus der Reihe. Eine Tänzerin ist einen Kopf größer als die anderen und muss in Reihenaufstellungen sichtbar angestrengt in die Knie gehen. Durch solche Verschiebungen stellt die Performance die Frage nach der Möglichkeit von Individualität im normierten Gruppengeschehen.

Mit dieser Arbeit korrespondiert der „Zweite Versuch über das Turnen“, bei dem sich acht Performer rückwärts durch 200 Jahre deutsche Turnbewegung arbeiten und anhand von Turnfesten im heutigen Deutschland, ehemaligen Teilen von Deutschland und deutschen Kolonien die Genese der Nation zeigen. Sie tun das aus einer fiktiven Zukunftsperspektive aus dem Jahr 2028, in dem eine Turnveranstaltung unter knallharten Leistungsprinzipien stattfindet: Wer Fehler macht, wird ausgesiebt.

Anhand von Medienkommentaren entwirft das Ensemble Bilder vergangener Turnfeste: Gleich zu Anfang erstaunt, wie altbacken eine Ansprache des Präsidenten des Deutschen Turner-Bunds aus dem Jahr 2017 klingt. Erschreckend, wie das gemeinsame Turnen in den Kolonien im heutigen Namibia oder Tansania genutzt wurde, um Zugehörigkeit zu einem behaupteten Volkskörper zu stärken. Und interessant, dass schon Turnvater Jahn 1813 seine Idee gemeinsamer Leibesübungen politisch auflud und als patriotische Vorbereitung auf den Befreiungskrieg gegen Frankreich verstand.

Bis die zahlreichen Zuschauer diese spannende Arbeit sehen durften – und das ist die schlechte Nachricht – mussten sie allerdings ganze sechs ausführliche und trotzdem wenig erhellende Eröffnungsreden über sich ergehen lassen. Man sollte darüber nachdenken, ob die Eitelkeit von Förderern und Gastgebern des Festivals nicht anders befriedigt werden kann.

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