Hans-Michael Strahl im Interview: "Theaterbegeisterung wiederbeleben"

Hans-Michael Strahl im Interview : "Theaterbegeisterung wiederbeleben"

Hans-Michael Strahl, Vorsitzender des Freundeskreises des Schauspielhauses, spricht über die Lehren aus dem jüngsten Streit zwischen Schauspielhaus-Intendant Staffan Holm und der Stadt. Unter anderem möchte Strahl private Sponsoren für das Theater gewinnen.

Theaterleiter und Stadt geraten öffentlich in Streit — was geht da im Chef des Freundeskreises des Schauspielhauses vor?

Strahl Das erfüllt mich mit Trauer. Ich verstehe die Enttäuschung von Staffan Holm, weil er vier Produktionen streichen oder stark einengen muss, wenn er tatsächlich die Summe einsparen muss, die jetzt im Raum steht. Aber jede Krise soll ja auch etwas Gutes haben: Das Theater hatte früher einmal eine enorme Zahl privater Sponsoren. Schon die Theatergründer Dumont und Lindemann haben ihr Haus aus eigener Hand finanziert, da gab es Haniel, Krupp, Thyssen, die Trinkausbank — das ist auch eine Tradition, an die wir wieder anknüpfen sollten. In dieser Zeitung war ja zu lesen, ein zorniger Intendant sei vielleicht ein guter Intendant. Ich denke, dass uns die Finanzlücken im Schauspielhaus jetzt bewusst geworden sind, kann vielleicht dazu beitragen, Sponsoren zu aktivieren. Dann hätte der Streit eine gute Wirkung gehabt.

Auch ein zorniger Freundeskreischef könnte dem Theater also guttun?

Strahl Ja, wir haben ein wunderschönes Haus, technisch so gut ausgestattet wie das Hamburger Thalia-Theater oder die Wiener Burg, hier spielen erstklassige Leute. Ich war gerade in Wien und bin dort Andrea Breth begegnet, die mir zugesichert hat, dass sie gerne wieder in Düsseldorf inszenieren würde. Wir können also stolz sein auf das Theater in dieser Stadt. Aber auf diesem Niveau kann man die Bühne nur halten, wenn sie genügend Geld bekommt.

Wie erleben Sie denn derzeit die Stimmung im Theater?

Strahl Im Moment ist die Stimmung gedrückt, weil gerade die Schauspieler fürchten, dass nun vielleicht Ziele aufgegeben werden, deretwegen sie gekommen sind. Aber das Entscheidende ist, dass das Theater noch nicht im Herzen der Düsseldorfer angekommen ist. Das spürt natürlich auch ein Ensemble, und das müssen wir ändern. Das versteh ich auch als Aufgabe des Freundeskreises — Freunde stehen zusammen, sagen sich aber auch unbequeme Wahrheiten.

Wieso gibt es in Düsseldorf diese Distanz zwischen Schauspielhaus und den Menschen in der Stadt?

Strahl Diese Entwicklung hat nach Stroux begonnen. Canaris hat es noch mal geschafft, eine emotionale Nähe herzustellen, indem er etwa für eine "Romeo und Julia"-Inszenierung Hauptdarsteller Matthias Leja in der Kutsche durch die Stadt geschickt hat. Da haben die Düsseldorfer gemerkt: Wir haben ja ein eigenes Theater, wir haben auch eigene Schauspieler.

Fehlt die vertraute Nähe, seit Staffan Holm Intendant ist?

Strahl Ein wenig ja. Und diese Nähe müssen wir wieder herstellen. Schauspieler müssen etwa bei offiziellen Anlässen selbstverständlich zu den geladenen Gästen gehören. Es kann doch auch nicht sein, dass hier Stars wie Udo Samel oder Rainer Bock spielen oder eine Andrea Breth inszeniert — und kein Mensch bekommt das mit.

Das war früher anders?

Strahl Ja. Etwa zur Zeit von Intendant Stroux, da war ich Statist am Theater, da gab es eine solche Begeisterung in der Stadt, die muss wieder herzustellen sein, die Leute sind ja noch da.

Hat das Theater also auch ein Marketing-Problem? Die Oper zum Beispiel scheint den Düsseldorfer Bürgern näher zu liegen.

Strahl Ja, die Oper hat mit Aktionen wie einer Open-Air-Gala, moderiert von Harald Schmidt, sehr wirksam Aufmerksamkeit gewonnen. Das kann das Schauspielhaus von der Oper lernen, allerdings hat es das intellektuellere Sprechtheater auch schwerer — mit Musik geht alles leichter.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Düsseldorfer Politik in der Auseinandersetzung mit Holm?

Strahl Die Politik hätte sich von Beginn an um eine bessere Kommunikation bemühen können. Auch hätte man Holm höher anrechnen müssen, unter welch katastrophalen Bedingungen er im Baustellenstaub beginnen musste. Das verdient doch Respekt.

Und was kann Holm tun?

Strahl Ich wäre enttäuscht, wenn Holm nicht kämpfen würde. Gründgens hatte lesenswerte böse Briefwechsel mit der Stadt wegen der Bezahlung seiner Eleven.

Seit wann wussten Sie, dass Staffan Holm enttäuscht ist von seiner Aufnahme in der Stadt?

Strahl Ich denke, das hat begonnen als klar wurde, dass die Auslastungszahlen nicht stimmen. Auch die Situation im Jungen Schauspielhaus ist in der Stadt falsch wahrgenommen worden. Mit Barbara Kantel hat nicht einfach eine Nachfolgerin die Geschäfte von dem sehr erfolgreichen Stefan Fischer-Fels übernommen, man verfolgt dort ein ganz neues, ein theaterpädagogisches Konzept.

Aber das wird offenbar nicht so gut angenommen.

Strahl Auch das braucht seine Zeit. Bei den Leuten ist noch gar nicht angekommen, dass am Jungen Schauspielhaus wirklich etwas Neues gewagt wird. Da kann es zu Durststrecken kommen, aber das muss man den Künstlern zugestehen. Der frühere Kulturstaatsminister Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff hat völlig recht, wenn er mehr Geduld mit den Theatermachern fordert.

Wie wird das Ihrer Meinung nach weitergehen?

Strahl Wir sollten jetzt in Ruhe die zweite Spielzeit abwarten. Ich freue mich auf den Auftakt mit Andrej Mogutschis Inszenierung von Kafkas "Prozess". Das dürfte eine breit beachtete Inszenierung werden — und ein Neuanfang in Düsseldorf.

Dorothee Krings führte das Interview.

(RP/ila)