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"The Weird and the Eerie" von Miriam Gossing und Lina Sieckmann in Düsseldorf

Kurzfilm-Präsentation : Videokunst zeigt menschliche Sehnsüchte

In der Filmschau „The Weird and the Eerie“ im NRW-Forum sind meist menschenleere Kulissen zu sehen. Dadurch entsteht eine geisterhafte Atmosphäre. Im Fokus: symbolisch aufgeladene Objekte.

Man hört nichts als ein Rauschen. Dann eine weibliche Stimme, die aus dem Off spricht, das surrende Hintergrundgeräusch bleibt. „Dear Lover“, beginnt sie und schüttet ihrem Partner, der unbekannt bleibt, in diesem Brief ihr Herz aus. Sie spricht von einer Traurigkeit, die sie immer wieder umgibt, ihren Zweifeln bezüglich ihrer Beziehung, aber auch der gleichzeitigen Erfüllung, die sie ihr schenkt. Eifersucht, innere Konflikte, der Job, der sie unter Druck setzt – von all dem spricht die Frau, die unsichtbar bleibt, während vor dem Auge des Zuschauers die Szenerie von einer Kapelle zur nächsten wechselt. Mit Samt überzogene Stühle, Kronleuchter, die von der Decke hängen, rosafarbene und weiße Rosen – doch es ist keine Menschenseele da. Die kitschigen Interieurs, die im Kontrast zu den Worten stehen, wirken verlassen und gespenstisch.

Und genau diese Atmosphäre machen diesen und auch die anderen beiden Kurzfilme von Miriam Gossing und Lina Sieckmann aus, die aktuell in der Videolounge der Stiftung Inter Media Art Institute (Imai) zu sehen sind. „Im Vordergrund stehen die Orte, die symbolisch aufgeladen sind und oft Hollywood-Referenzen enthalten“, erklärt Miriam Gossing. Gemeinsam mit ihrer Schulfreundin Lina Sieckmann, mit der sie auch gemeinsam an der Kunsthochschule für Medien in Köln und der Kunstakademie Düsseldorf studierte, hat sie diese und viele weitere filmische Arbeiten aufgenommen. Die sind geprägt von ihrem gemeinsamen Interesse an Roadmovies und Horrorfilmen. „Außerdem finden wir immer wieder die Frage spannend, wie der Film unsere Realität und Gefühle beeinflusst“, sagt Sieckmann.

Zu sehen sind neben dem anfangs beschriebenen „Desert Miracles“ (2015) noch zwei weitere Kurzfilme von Gossing und Sieckmann. In „Souvenir“ (2019) berichten Partnerinnen von Seeleuten von ihren Beziehungen, die immer wieder durch die Distanz auf die Probe gestellt werden. Und in „Sonntag, Büscherhöfchen 2“ (2014) eröffnet sich dem Zuschauer eine sonntägliche Idylle im Privathaus eines Paares, durchbrochen von zahlreichen exotischen Objekten aus fernen Ländern. Die Künstlerinnen haben die Filme für die Videoschau gemeinsam mit Linnea Semmerling und Darija Šimunović von der Imai-Stiftung ausgewählt.

Es sind die großen Fragen des Lebens, die da angesprochen werden, genauso wie kleine, skurrile Dinge. „Antworten liefern wir mit unseren Filmen nicht“, sagt Sieckmann. Aber sie zeigen, wie Sehnsüchte räumlich werden und Form annehmen – die beiden Künstlerinnen, die in Köln und Portland leben, nennen das „architecture of desire“.

Alle drei Filme haben einen dokumentarischen Ausgangspunkt, den Gossing und Sieckmann experimentell und fiktiv erweitert haben. Die Kapellen in „Desert Miracles“ sind genau so in Nevada zu finden, viele davon in Las Vegas. Die Fähre aus „Souvenir“ fährt als „billige Kopie von Luxus-Kreuzfahrtschiffen“, wie Gossing es beschreibt, die Strecken Kiel–Oslo und Rotterdam–Kingston Upon Hull. Das Haus in „Sonntag, Büscherhöfchen“ existiert im Bergischen Land, inklusive ausgefallener Dekoration und dem darin wohnenden Paar.

Auch die Texte aus „Souvenir“ und „Desert Mircales“ basieren auf realen Beiträgen in Internetforen und Interviews. „Wir haben all die angesprochenen Sehnsüchte, Emotionen und Sichtweisen jeweils in eine Geschichte gepackt – aber eigentlich sind sie kollektiv und damit die Gefühle und Probleme, die viele Frauen bewegen“, sagt Sieckmann.

Auf dem Bildschirm erscheint eine weitere Kapelle in Nevada, in der weiße, verschnörkelte Stühle aufgestellt sind. Die weibliche Stimme aus dem Off drückt ihre ambivalenten Gefühle aus und ihren Wunsch, besonders zu sein, außerdem sicher und geliebt. Sie schließt den Monolog mit der Frage: „Willst du mich heiraten?“

Man könnte meinen, dieser herbe Kontrast zwischen jener Frau, die ihre tiefsten Emotionen preisgibt und sie am Ende mit der Heirat zu kompensieren versucht, und den kitschigen und anonymen US-amerikanischen Hochzeitskapellen soll eine Kritik sein. An Institutionen also, die nur scheinbar Sicherheit ausdrücken.

„Für uns ist es aber mehr eine Analyse als eine Kritik“, erklärt Gossing. Es geht ihnen darum, zu zeigen, welche Symbole es in Filmen und in der Realität gibt, was sie bedeuten und wer diese Bedeutung eigentlich geschaffen hat: Das Leben selbst – oder die Kunst?