Temps d’images im Tanzhaus NRW: Tanz trifft auf Technologie

Temps d’images im Tanzhaus NRW : Tanz trifft Technologie

Beim Festival Temps d’images werden die Grenzen zwischen Mensch und Maschine ausgelotet.

Nur zwei kleine Aussparungen in einer Maske geben die Sicht auf die dunkle Bühne frei. Dort ist als einziger Performer Stéphane Gladyszewski zu sehen, dem man im Laufe der rund 20-minütigen Aufführung als alleiniger Zuschauer ausgeliefert ist. So wandeln sich immer wieder die Rollen, der Zuschauer wird selbst zum Teil der Performance und am Ende sogar eins mit Gladyszewski. Sanft nimmt er den Zuschauer bei der Hand. In einem halbtransparenten Spiegel verschmelzen die beiden Gesichter zu einem neuen. Dadurch wird „Tête-à-Tête“ zu einer sehr sinnlichen, beeindruckenden Erfahrung.

Seit 15 Jahren findet das Festival Temps d’images am Tanzhaus NRW statt. Anlässlich des Festivals ist auch der Kanadier Gladyszewski zu Gast. Gegründet wurde das Festival an der Schnittstelle von Tanz, Performance und Kunst vom Fernsehsender Arte. Von den ehemals zwölf teilnehmenden Institutionen führen noch vier die Festivalidee weiter.

Waren zur Gründung des Festivals Live-Video-Performances noch eine verblüffende Neuerung, wird 2020 mit virtueller Realität und Motion-Capture-Technologien experimentiert. Und das Ende des technologischen Fortschritts scheint noch lange nicht erreicht. Schließlich wird die Technik immer günstiger und auch für Künstler einfacher zu bedienen.

Auf der großen Bühne gibt es am Eröffnungsabend zwei Stücke des Allroundkünstlers Hiroaki Umeda zu sehen. Seit fast 20 Jahren verbindet der Japaner Tanz, visuelle Kunst und Sounddesign. In seinem Stück „Vibrance“ stehen drei junge Tänzerinnen aus der urbanen Tanzszene auf der Bühne, die unter anderem den in Japan höchst beliebten Show-Contest „Dance Delight Japan“ gewonnen haben. Hier trifft die Körperbeherrschung des HipHop auf eine Lichtinstallation und eine klickend verzerrte Toninstallation. Erst einzeln, dann immer mehr auch unisono bewegen sich die drei Tänzerinnen in abgehackten, roboterhaften Bewegungen und völlig ohne Ausdruck. Der Mensch wird zur Maschine. Aus den Lautsprechern dröhnt, klickt und gluckert es.

Ganz anders im zweiten Teil der Aufführung: In dem von Umeda selbst getanzten Solo „Median“ wird er von einem sich ständig verändernden Raster angestrahlt. Schnell verliert sich sein Körper darin, wird von der dunklen Bühne verschluckt. Dabei lassen die schwarz-weißen Raster wenig Raum für die eigene Fantasie und Interpretation. Wo das Festival eine Verbindung von Tanz und medialer Kunst schaffen will, schießt Umeda über das Ziel hinaus. Mehr Mensch und weniger Maschine hätte gut getan. Denn sein Körper geht völlig unter im Geblitze des sich ständig verändernden Rasters.

Medial viel interessanter wird wohl das Stück „Technological Flash“ des ehemaligen Factory Artist am Tanzhaus, Choy Ka Fai, das am kommenden Freitag und Samstag anlässlich des Festivals zur Aufführung kommt. Choy Ka Fai hat sich für seine neue Arbeit mit Mária Júdová, Spezialistin für die Verbindung von Virtual Reality und Tanz, zusammengetan. Sie erforschen die Möglichkeiten eines übernatürlichen künstlerischen Erlebnisses und den Einsatz digitaler Tanztechniken. Inspiriert vom Konzept der posthumanen Choreografie, beschäftigt sich das Projekt mit dem Ausdruck von Trance in schamanistischen Bewegungen. So ergibt sich eine interessante Mischung aus Geisterbeschwörung und künstlicher Intelligenz. Seine Stücke werden zur digitalen Avantgarde, er bringt Hochtechnologie und Schamanismus unter einen Hut.

Ebenfalls mit Virtual-Reality-Technologie beschäftigt sich der schwedische Choreograf und Performer Noah Hellwig in einer weiteren Eins-zu-eins-Performance (16.,17. und 18. Januar). Bei ihm fließen unterschiedliche Wirklichkeitsebenen ineinander. In zwei Räumen werden digital und analog verschiedene Erfahrungen ermöglicht.

Info Das Festival Temps d’images am Tanzhaus NRW, Erkrather Straße 30, läuft bis Samstag, 18. Januar. Karten unter: www.tanzhaus-nrw.de