1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Kultur

Düsseldorf: Symphoniker brillieren in Wiens Musikverein

Düsseldorf : Symphoniker brillieren in Wiens Musikverein

Auf Einladung der Wiener Jeunesse traten die Düsseldorfer Symphoniker im Rahmen einer kleinen Tournee im Goldenen Saal auf.

Wenn nicht hier, wo sonst? Welcher Saal wenn nicht dieser holt alles aus einem Orchester heraus, kitzelt sein Können, greift ihm unter die Arme und lässt es fliegen?

Wo aber sonst sitzt ein dermaßen unduldsames Publikum, das die besten Orchester täglich erlebt und sich aufgerufen fühlt, die Spreu vom Weizen zu trennen? Im legendären Wiener Musikvereinssaal kann ein Orchester das Konzert seines Lebens geben und von hörgesättigten Pensionisten trotzdem gelangweilt nach Haus geklatscht werden.

Die Düsseldorfer Symphoniker, man darf es beklagen, haben nicht oft Gelegenheit, ihre tägliche Pendelstrecke zwischen Oper und Tonhalle zu verlassen. Wenn sie ausnahmsweise auf Reisen gehen, ist das für das Selbstwertgefühl und den emotional-künstlerischen Aufschwung lebenswichtig. Oft durften wir erleben, dass das Orchester, sonst auf Grabenhaltung fixiert, in der Fremde wie befreit spielt. Nun lautete die Frage aber: Würde das Orchester in diesem berühmten Konzertsaal Ehre für Düsseldorf einlegen? Oder würde es abschmieren? Wie würde Wien reagieren? Und würde der Saal überhaupt voll?

  • Meret Schande (Christina Scherrer), Moritz Eisner
    „Tatort: Verschwörung“ aus Wien : Zu viel Wien gibt’s nicht
  • Axel Kober, Generalmusikdirektor der Rheinoper.
    Interview mit Generalmusikdirektor Axel Kober : „Der Klang kommt schlecht nach vorn“
  • Die Tonhalle am Ehrenhof.
    Kurzkritik : Konzert-Bussis aus der Welt für Levit und die Tonhalle
  • Cover der Beethoven-CD aus dem Schumann-Saal.
    Exzellente Akustik : Schwedische Tonmeister schwärmen vom Schumann-Saal
  • Peter Stöger als Trainer des 1.
    1. FC Köln : Gespräche mit Stöger nach positivem Coronatest verschoben
  • Seit Ares Gnauk fünf Jahre alt
    Musik in Düsseldorf : Auf vielen Wegen zum Profi-Gitarristen

Nun, er war ausverkauft, der Abend fand im Abo-Zyklus der Jeunesse statt, einem renommierten österreichischen Veranstalter. Die Abendkasse lief prächtig. Die Symphoniker saßen schon um 18 Uhr, weit vor der Anspielprobe, im Saal, akklimatisierten sich, staunten, machten Fotos fürs Familienalbum – doch als erste Ansagen gemacht wurden, stellte sich Bänglichkeit ein: Man verstand nichts. Der Saal roch nach Überakustik. Als GMD Andrey Boreyko dann Robert Schumanns nicht sehr ergiebige "Julius Caesar"-Ouvertüre probte, klang alles noch püriert, mulmig, und man merkte: So ein Saal will erst ergründet werden. Doch wie würde er erst klingen, wenn er nicht leer, sondern voll besetzt ist?

Es wurde ein denkwürdiges Konzert, das mehr und mehr an Wucht und Klasse gewann und nach der Pause in einer bravourösen, über weite Strecken fulminanten Interpretation der 4. Symphonie f-moll von Peter Tschaikowski gipfelte. Diese Vorzüge kamen zum einen aus dem Inneren des Orchesters: aus der blendstarken, nie rumpelnden Blechfraktion (Sonderlob an die Hörner), aus dem feinsinnigen, für delikateste Geheimnisse wie für schwirrende Luftschlangen empfänglichen Holz, aus den punktgenauen Perkussionisten und vor allem aus den Streichern, die mit sonorer Fülle, mit Einheitlichkeit und Hingabe im Strich einen Tschaikowski musizierten, dass mancher hartgesottene Musikvereinshörer aufhorchte: Wieso hören wir ein solches Orchester hier nicht öfter?

Der vehemente Geist dieser Tschaikowski-Aufführung wurde zum anderen von GMD Andrey Boreyko beschworen, der mit einer Gelöstheit sondergleichen dirigierte, indem er nie buchhalterisch in das Werden und Blühen des Klangs eingriff, sondern seine Symphoniker souverän gewähren ließ. Der Chef war dabei so in seinem Element, dass ihm im ersten Satz der Taktstock in die ersten Violinen abflog. Im Saal brach bei manchem Beobachter der Szene ein tonloses Lachen aus, das die Sympathie für die Symphoniker nur beförderte. In der Satzpause wurde Boreyko das Stöckchen sehr diskret wieder angereicht – und Wien schmunzelte erneut. Hinterher jubelte es.

Komplettiert wurde das Erlebnis durch eine sehr hörenswerte Darbietung von Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur mit Igor Levit. Der gönnte sich und dem Werk experimentelle Denkansätze und faszinierte mit einer pianistisch opferfreudigen, jedenfalls alles andere als gemütlichen Reise zu den Piano-Zonen des Werks. Ihnen galt sein Ohrenmerk, und wie die Symphoniker diesem spekulativen Unternehmen assistierten, war meisterlich. Das können opernerfahrene Orchester halt auch sehr gut.

Die Symphoniker unter Intendant Michael Becker hatten das Unternehmen Wien in eine kleine Tournee gegossen, die noch nach Erlangen und nach Linz führte. Die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Tonhalle, vertreten durch ihren Vorsitzenden Patrick Schwarz-Schütte, hatten früh die Wichtigkeit der Tournee erkannt und stützten sie mit einem großzügigen Betrag. Auch Oberbürgermeister Dirk Elbers und Kulturdezernent Hans-Georg Lohe wollten am warmen Apfelstrudel eines Erfolgs in Wien naschen und waren hinterher nachgerade enthusiasmiert, als die kluge und charmante Jeunesse-Generalsekretärin Angelika Möser durch die Blume zu erkennen gab, dass sie sich demnächst eine weitere Einladung vorstellen könne. Da strahlte der OB, als sei vor seinen Augen ein Airbus A 380 in Lohausen gelandet.

Jetzt hoffen wir, dass die Symphoniker die Form dieser Tournee konservieren. Dann hätten auch die Daheimgebliebenen etwas davon.

(RP)