Düsseldorf: Sven-André Dreyer erkundet die Stadt literarisch

Düsseldorf : Sven-André Dreyer erkundet die Stadt literarisch

Der 40-jährige Erzähler und Lyriker organisiert seit etlichen Jahren eine Lese-Reihe, schreibt Kurzgeschichten und hat ein Ziel: die Landeshauptstadt Düsseldorf anhand von literarischen Texten zu erkunden. Im Frühjahr startet sein neues Projekt – Titel: "Lies, Du Sau!"

Der 40-jährige Erzähler und Lyriker organisiert seit etlichen Jahren eine Lese-Reihe, schreibt Kurzgeschichten und hat ein Ziel: die Landeshauptstadt Düsseldorf anhand von literarischen Texten zu erkunden. Im Frühjahr startet sein neues Projekt — Titel: "Lies, Du Sau!"

Irgendetwas hat ihm gefehlt in dieser Stadt, die sich so gern Kulturstadt nennt. Es war vor ungefähr zehn Jahren. Sven-André Dreyer, der auf dem Comenius-Gymnasium Abitur gemacht und an der Heinrich-Heine-Universität Germanistik studiert hat, fühlte sich als Fan gehobener, aber nicht abgehobener Literatur seltsam orientierungslos. "Es gab Poetry-Slams, und es gab verkopfte Lesungen mit Menschen im schwarzen Rollkragenpullover, die stilles Wasser tranken. Ich wollte etwas schaffen, das genau dazwischen liegt."

Dreyer, der selbst seit Jahren lyrische Texte und Kurzgeschichten veröffentlicht, schwebte eine Lesung im entspannten Ambiente vor, keine akademische Versammlung, sondern ein Feierabend-Treffen für Menschen, die gern anderen Menschen beim Formulieren ihrer Gedanken zuhören. "Lesen in der Brause" nannte er dieses Projekt, das am jeweils ersten Donnerstag im Monat in der Kneipe "Brause" an der Bilker Allee stattfand.

Ob die Autoren prominent waren oder nicht, war egal, doch sie sollten ihr Bild von Düsseldorf vorstellen, Texte vorlesen, die diese Stadt jenseits von PR-Filter oder Tourismus-Broschüren beschrieben. Der Anfang war zäh, häufig saß Dreyer mit seinen eingeladenen Autoren allein da. Freunde fragten ihn, warum er sich den Stress antue, und das auch noch ehrenamtlich. Doch das spornte den Schriftsteller nur noch mehr an. "Je absurder die Leute die Idee fanden, um so mehr wollte ich es. Ich war mir einfach sicher, dass es dafür ein Publikum gibt."

Zwei bis drei Jahre später wurde die "Brause" allmählich zu klein, 40 bis 60 Leute kamen zu den Treffen. Dreyer hatte die Nische geschaffen, die er vermisst hatte, eine literarische Heimat-Tümelei im besten Sinn. Er zog in die Buchhandlung "BiBaBuZe" nahe dem Bilker Bahnhof an der Aachener Straße um.

Es könnte so weitergehen, doch Sven-André Dreyer hat gemerkt, dass ihm etwas fehlt: die Möglichkeit, weniger zuzuhören und mehr zu quatschen. "Ich wollte noch mehr von den Autoren erfahren, ihr Seelenleben erkunden, vor den Leuten über ihre Sicht auf die Stadt diskutieren." Deswegen lädt er im Dezember zum letzten Mal zur "Lesung in der Klause", wie die reihe seit 2005 heißt. Am 6. Februar beginnt sein neues Projekt, ab 20 Uhr begrüßt er das Publikum im "BiBaBuZe" zu seinem Literatur-Talk namens "Lies, Du Sau!"

Bitte was? "Ich weiß, dass der Titel provozierend klingt, aber er ist angelehnt an den Aufruf von Udo Bölts an Jan Ullrich bei der Tour de France 1997, ,Quäl Dich, Du Sau!' Er ist positiv gemeint, motivierend. Außerdem ist ein bisschen Provokation in einem Namen nie verkehrt." Dreyer ist nicht bloß engagiert, er brennt für die literarische Subkultur, die er mit erschaffen hat. Er spricht schnell, mit weit geöffneten, wachen Augen. Man hat das Gefühl, er hat schon drei weitere Ideen zur Bereicherung der hiesigen Lese-Szene in der Pipeline.

Im ersten Teil von "Lies, Du Sau" macht der Gastautor genau das, lesen, im zweiten stellt er seine drei Lieblingsbücher vor. Doch das ist nur das Grundgerüst, tatsächlich ist es ein Gespräch über die Stärke und Macht von Wörtern, wie sie Bilder im Kopf entstehen lassen, neue Bilder von Orten, die man längst zu kennen glaubt. "Selbst ein Nichtort wie die Bilker Arkaden kann zu einem romantischen Ort werden, wenn jemand die Geschichte eines Pärchens erzählt, das dort zusammen einkauft."

Ob er den Talk einmal oder zweimal monatlich macht, weiß Dreyer noch nicht. Es ist nicht so, dass er ansonsten beschäftigungslos wäre. Gerade ist sein neues Buch "Wo Du Bist" erschienen, es ist der zweite Teil einer Trilogie aus Kurzgeschichten, die mit dem Buch "Die Luft anhalten bis zum Meer" begann und mit dem Band "Kleiner Vogel tot" enden wird. Darin beschreibt er präzise, zurückgenommen und doch wuchtig seelische Ausnahmezustände, hervorgerufen etwa durch Abschied, Krieg oder Verlustangst.

Es ist keine Lektüre, nach der man aufstehen und eine Party feiern will, aber sie fängt den November-Blues ein, der gerade von allen Besitz ergreift. "Ich bin auch eher der melancholische Typ", bekennt Sven-André Dreyer.

Im Bezug auf seine rege Arbeit als Mitstreiter für eine Düsseldorfer Literatur-Szene kann er das aber ziemlich gut verbergen.

(RP)
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