„Judenhäuser“ im Nationalsozialismus Die Nachbarn schauten einfach weg

In ganz Deutschland richteten die Nationalsozialisten sogenannte Judenhäuser ein. Studenten der Hochschule Düsseldorf spüren der traurigen Geschichte dieser Häuser in der Region nach.

 Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens wurden in sogenannten Judenhäusern zusammengepfercht. Hier erinnert eine Tafel in Kleve an diese Verbrechen.

Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens wurden in sogenannten Judenhäusern zusammengepfercht. Hier erinnert eine Tafel in Kleve an diese Verbrechen.

Foto: Markus van Offern (mvo)/van Offern, Markus (mvo)

Als die Hochschule Düsseldorf sich vor fünf Jahren auf ihrem neuen Campus Derendorf auszubreiten begann, trat sie damit zugleich ein schweres Erbe an. Denn auf dem Gelände des früheren, in Teilen erhaltenen Schlachthofs trieben die Nationalsozialisten zwischen 1941 und 1944 fast 6000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf zusammen, um sie vom benachbarten Güterbahnhof in Ghettos im besetzten Osteuropa zu deportieren: nach Lodsch, Minsk, Riga, Izbica und Theresienstadt. Das waren oft nur Zwischenstationen auf dem Weg in Vernichtungslager. Nur 400 überlebten.

Als die 6000 deutschen Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens im Derendorfer Schlachthof eintrafen, hatte ihr Leidensweg im „Dritten Reich" längst begonnen. Nicht nur in Düsseldorf, auch in Wuppertal und Viersen, Neuss, Mönchengladbach und Hilden hatten die Nazis sie schikaniert, drangsaliert und durch Boykottaktionen ihrer Existenzgrundlage beraubt. Dann wurden sie – was heute fast in Vergessenheit geraten ist – in sogenannten Judenhäusern zusammengepfercht. Mindestens 15 davon befanden sich in Düsseldorf: Wohnhäuser aus ehemals jüdischem Eigentum, in welche die Nazis ausschließlich Mieter und Untermieter jüdischen Glaubens eingewiesen hatten, um sie zu isolieren und bis zur vorgesehenen Deportation unter Kontrolle zu halten.

Vor zwei Jahren begann die Hochschule Düsseldorf, mit Hilfe ihrer Studenten Licht in dieses düstere Kapitel deutscher Geschichte zu werfen. Joachim Schröder, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsschwerpunkts Rechtsextremismus/Neonazismus an der Hochschule und Leiter des Erinnerungsortes Alter Schlachthof, und Alexander Flohé, hauptamtlicher Dozent im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, haben Studentinnen und Studenten das Thema bereits in drei gemeinsamen Seminardurchgängen mit dem Titel "Spurensuche" nahegebracht. Eine davon ist Eva Grütgen.

Sie suchte speziell die Geschichte eines im Krieg zerstörten „Judenhauses" zu ergründen, das sich in Düsseldorf an der Adresse Steinstraße 60 befand, heute Stresemannstraße 12. Da die Nationalsozialisten über alles und damit auch über die Namen der Deportierten penibel Buch führten, war es nicht schwer, über Google und öffentlich zugängliche Archive an Informationen zu gelangen. Eva Grütgen fand heraus: Bereits bei einem von den Nazis gelegten Brand während des Novemberpogroms 1938 hatte es an der Steinstraße 60 zwei Todesopfer gegeben. Zu den Deportierten zählten später diejenigen, die nebenan eine Gaststätte betrieben hatten. Ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft befand sich ein Hitler-Jugendheim.

Eva Grütgens Kommilitoninnen und Kommilitonen haben bei ihren Recherchen zu anderen Objekten ähnlich detaillierte Ergebnisse erzielt. „Viele", so berichtete sie uns, „haben ihre Großeltern in Frage gestellt." Denn „Wir wussten von nichts" erschien ihnen angesichts der Umstände kaum glaubhaft. Schließlich waren die „Judenhäuser" – heute meist als Ghettohäuser bezeichnet – sichtlich überfüllt, und manche wohnten darin bis zu zwei Jahren. Stets handelte es sich um Gebäude, in denen schon zuvor Juden gelebt hatten.

Wer bei Google „Judenhäuser Düsseldorf" eingibt, gelangt zu einem interaktiven Stadtplan, der den Weg zu den Orten des Grauens zwischen Grafenberg, Oberkassel und Unterbilk weist und die Namen der einstigen Bewohner samt Lebensdaten nennt. Die meisten starben in Theresienstadt. Studierenden der Hochschule Düsseldorf ist diese digitalisierte Erinnerung zu verdanken. An Ort und Stelle fehlt eine solche Erinnerung meist, etwa am Haus Grupellostraße 8. „Stolpersteine" sind nur für die jeweils freiwillig gewählten letzten Wohnhäuser von jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern vorgesehen. Der an der Grupellostraße heute zur Miete residierende Kunsthändler Martin Leyer-Pritzkow weiß die Geschichte des Hauses allerdings genau zu überliefern.

Auf die Frage, wie sich eine Brücke von den Ghettohäusern zur Gegenwart schlagen lasse, antwortet Dozent Joachim Schröder: „Das ist nicht so schwer." Als Experte für Rechtsextremismus und Neonazismus hält er es für wichtig, dass die Menschen von heute die Strukturen von damals – Ausgrenzung, Rassismus – wiedererkennen und daraus Konsequenzen ziehen. Alexander Flohé, der Stadtsoziologe und Ausbilder von Sozialarbeitern, formuliert es so: „Nicht weg-, sondern hinschauen!" Studentinnen und Studenten müssten künftig den jungen Leuten, die Jugendheime besuchen, oder an anderen Arbeitsstellen ein Bewusstsein für Menschenrechte vermitteln. „Die Studierenden sind Multiplikatoren", fügt Schröder hinzu. Und: „Die Leute müssen ihre oft von Vorurteilen bestimmte Einstellung gegenüber Minderheiten ändern. Das geht nur über eine Änderung des Bewusstseins, über Bildung." Studentin Eva Grütgen: „Rassismus und Mobbing gibt es schon auf dem Schulhof. Wir dürfen so etwas nicht reproduzieren."

In welche Barbarei, auch in welch zynische Haltung Rassismus führen kann, belegt Hilde Sherman-Zander, eine der wenigen Überlebenden des Holocaust. Aus Korschenbroich kommend traf sie 1941 mit ihrem frisch angetrauten Ehemann im Düsseldorfer Schlachthof ein, dort, wo damals noch Tiere zerlegt und gleich nebenan Menschen schikaniert und geschlagen wurden. „Ich drehte mich um", so erinnerte sich die 2011 in Jerusalem Gestorbene, "wollte ihm etwas zurufen, als ich plötzlich einen Stoß in den Rücken bekam und die schmale Treppe in den Schlachthof hineinstürzte. Diesen Augenblick werde ich im Leben nicht vergessen. Oben bei der Treppe stand Pütz, ein hoher Gestapobeamter. Mit wutverzerrtem Gesicht brüllte er hinter mir her: ,Auf was wartest du noch? Auf die Straßenbahn? Die fährt für dich niemals mehr.’“

Die schmale Treppe hat sich erhalten. Wenige hundert Meter weiter, wo ehedem im Güterbahnhof die Deportation begann, befindet sich heute die S-Bahn-Station Derendorf.

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