Düsseldorf: Stefan Ettlinger im Dickicht der Städte

Düsseldorf: Stefan Ettlinger im Dickicht der Städte

Der Maler lässt sich gern von Düsseldorfs chinesischer Partnerstadt Chongqing inspirieren. Auch musikalisch setzt er Zeichen.

Er wäre gern Comic-Zeichner geworden, doch dann wurde ihm klar, dass er nicht der Typ war, der eine Geschichte durcherzählt. Deshalb verlegte sich der heute 55-jährige Düsseldorfer Künstler Stefan Ettlinger aufs Malen - und auf Ausschnitte. Und näherte sich auf diesem Wege dann doch dem Comic, denn auch in diesem Genre geschehen oft Dinge gleichzeitig, ist ein Blatt in mehrere Erlebniszonen geteilt.

Ettlinger findet seine Motive vorzugsweise in Düsseldorfs chinesischer Partnerstadt Chongqing, aber auch in anderen asiatischen Metropolen. 2008 war er Gastprofessor für Malerei am College of Fine Art der Kyung-Hee-Universität in Südkoreas Hauptstadt Seoul, und im vorigen Jahr reiste er erneut für mehrere Monate nach Chengdu und Chongqing. Das Dickicht der Städte spiegelt sich in zahlreichen Zeichnungen auf Papier und auf Hartfaserplatten.

Der gebürtige Nürnberger, der zwischen 1980 und 1988 bei Alfonso Hüppi an der Düsseldorfer Akademie studierte, macht es den Betrachtern seiner Bilder nicht leicht, denn im Gewirr von Architektur, Natur und vereinzelten Personen, in dem sich vieles überlagert, muss man sich zurechtfinden. Alles auf diesen Eitempera-Bildern ist von Menschen gestaltet, doch hier und da scheint sich die Natur etwas zurückzuerobern. Meist legen sich über schwarz-weiße, wellenförmige Silhouetten an einer Stelle kräftige Farben, die eine Partie des Bildes hervorheben.

Wenn Ettlinger malt, greift er gern auf Vorlagen zurück: auf eigene Fotografien, Filmstills oder Zeitungsfotos. So verdichten sich seine Eindrücke von asiatischen Städten - diesen Orten, an denen aus benachbarten Lautsprechern oft Gegensätzliches auf die Passanten eindringt - zu verfremdenden Abbildern eines funktionierenden Chaos. Aus Filmberichten des Fernsehens kennt man das Durcheinander von Rikschas, Autos, Verkaufsständen und Handwerk an der Straße. Ettlinger fängt diese Gleichzeitigkeit in schwirrenden, collagehaften Szenen ein, die den Betrachter unweigerlich in ihren Sog ziehen.

Stefan Ettlinger war, wie er erzählt, als Provinzler aus Leonberg nach Düsseldorf gekommen und hatte sich zunächst darüber gewundert, dass man an der Kunstakademie nichts vorgesetzt bekommt, sondern selbst zusehen muss, dass sich etwas entwickelt. Er begann mit Filmen, inszenierte erste Performances, komponierte Musik und wurde Mitglied der Gruppe "Anarchistische Gummizelle".

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Die Neigung zur Musik hat sich bis heute erhalten. Auf Youtube gibt er eine Kostprobe davon: Gesang und Techno aus dem Computer, optisch so mit Textzeilen unterlegt, dass es unmöglich erscheint, sich auf Wort und Bild gleichzeitig zu konzentrieren. "Ein Bild zu viel macht noch lang nicht blind" lautet das Motto dieses Videos. Das ist auch der Titel einer Schau, die zurzeit den Ausstellungsraum von Martin Leyer-Pritzkow an der Grupellostraße füllt.

Wie kommt man auf solch einen Titel? Ettlinger zuckt mit den Schultern: "Keine Ahnung." Doch darüber braucht ein Künstler nicht Rechenschaft abzulegen. Ohnehin ist er kein Mensch, der plakativ auf sich aufmerksam macht. "Ich bin nicht groß gehypt worden", so bescheiden erläutert er den Umstand, dass sein Bekanntheitsgrad noch immer nicht seine Bedeutung als Künstler spiegelt.

Dabei kann sich sein Ausstellungsverzeichnis sehen lassen. 2002 war seine Kunst im Krefelder Haus Esters präsent, 2004 in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden und im dortigen Museum Frieder Burda, und mit einer Musikperformance war er 2010 in der Düsseldorfer Julia Stoschek Collection zu Gast. Im März des laufenden Jahres hat Solingen ihm den Bergischen Kunstpreis zuerkannt.

Das ist viel Ehre, doch einen Durchbruch auf dem Kunstmarkt hat es nicht bewirkt. Dazu müsste man vermutlich laut auftreten. Das aber würde nicht zu den kunstvoll versponnenen Bildern Stefan Ettlingers und schon gar nicht zu seiner Person passen. Obwohl die Gemälde vom Gewusel der Großstadt handeln, kommen sie leise, reflektierend daher.

Seit fast 30 Jahren wohnt Ettlinger nun schon in Bilk. Wäre seine Wohnung etwas größer, würde er sich gern als Bildhauer versuchen. Doch das wird ein Wunschtraum bleiben. Stefan Ettlinger will weitermachen wie bisher. Und sicherlich wird unter seinen Händen noch manch asiatische Metropole ihr Charisma gen Westen strömen lassen.

(RP)
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