Schauspielhaus: Spielen ohne Eitelkeit - Ingo Tomi

Schauspielhaus: Spielen ohne Eitelkeit - Ingo Tomi

Seit Beginn der Spielzeit gehört Ingo Tomi (35) zum neuen Ensemble des Schauspielhauses. Er ist Absolvent der Berliner Ernst Busch Schule, hat in Bielefeld, Wien und Weimar gespielt und ist nun in Düsseldorf in zwei tragenden Rollen zu erleben – in "Einsame Menschen" und in "Puppen".

Seit Beginn der Spielzeit gehört Ingo Tomi (35) zum neuen Ensemble des Schauspielhauses. Er ist Absolvent der Berliner Ernst Busch Schule, hat in Bielefeld, Wien und Weimar gespielt und ist nun in Düsseldorf in zwei tragenden Rollen zu erleben — in "Einsame Menschen" und in "Puppen".

Er war ein paar Jahre auf der Suche. In dieser Zeit hat Ingo Tomi Biologie studiert, weil er sich für Naturwissenschaften interessiert, dann Politik, Geschichte, Philosophie, weil er sich für die Gesellschaft interessiert. Aber da schlummerte noch etwas anderes in ihm, etwas, das er lange nicht beachten wollte. Spieltrieb könnte man es nennen. Ein Impuls, nicht nur abstrakt über Dinge nachzudenken, sondern sie spielend zu erfahren, zu durchleben und für andere sichtbar zu machen. Diese Lust am Spiel hat Ingo Tomi auf die Bühne gebracht — und man kann sie erleben, wenn man ihn im Schauspielhaus beobachtet, wie er sich in seine Rollen wirft, kompromisslos, ohne Eitelkeit, ein Schauspieler, der mit seinem ganzen Wesen spielt. Natürlich ist das ein Geschenk für die Zuschauer.

Eine naive Lust am Verstellen, an der Nachahmung, hatte Tomi schon als Kind. Doch da war ein Widerstand, sich etwa in der Theater AG der Schule anzumelden und auf die Bühne zu gehen. "Sicher hatte das etwas mit Schüchternheit zu tun", sagt Ingo Tomi, "solche AGs sind ja oft auch geschlossene Zirkel. Ich habe einfach einen Umweg genommen zu etwas, was mir sehr liegt, aber vielleicht führt mich der auch noch woanders hin."

Aufgewachsen ist Tomi in der Nähe von Heidelberg. Von dort ging er zum Biologiestudium nach Göttingen, absolvierte ein Auslandssemester in Barcelona, hatte dort Raum, über die Zukunft nachzudenken — und brach das Bio-Studium ab. "Ein Leben im Labor wäre nichts für mich gewesen", sagt er. Tomi wechselte ins Fach Politik. 1997, im Jahr der Studentenproteste, als an den Unis gestreikt, diskutiert, über Gesellschaft gestritten wurde, hatte er angefangen, sich für Politik zu interessieren. 1999 ging er nach Berlin und fing an, sehr viel ins Theater zu gehen, vor allem in die Volksbühne. Und dann wagte er den Schritt, ging zum Vorsprechen eines Studententheaters, war plötzlich Teil einer Gruppe, die mit künstlerischen Mitteln am öffent-lichen Diskurs teilnahm. Und weil ihn das immer mehr interessierte, bewarb sich Ingo Tomi schließlich an der Ernst Busch Schule in Berlin und wurde sofort genommen.

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An der Schule lernte er das Handwerk — Stimm-, Sprach-, Körpertraining, lernte, Stücke zu analysieren, Szenen klar zu entwickeln, das Wesentliche in Handlungen zu erkennen und sich darauf zu konzentrieren. "Spielen kann im Prinzip jeder", sagt Tomi, "in Schauspielschulen geht es aber auch darum, sich selbst zu begegnen, seinem Denken, seinem Körper und sich zu akzeptieren, wie man ist. Das ist nicht besonders angenehm, aber erst dann kann man wirklich spielen." Tomi gehört zu den Schauspielern, die nicht einfach von einer Leidenschaft auf die Bühne getrieben werden, sondern reflektieren, hinterfragen, manchmal auch anzweifeln, was sie dort tun. "Theater ist einer der letzten Orte, an dem Menschen miteinander Erfahrungen machen können über sich und die Gesellschaft", sagt er. "Außerdem hat es doch etwas Utopisches, dass dort Menschen gemeinsam etwas schaffen, Theater kann man nicht alleine machen, es lebt vom Dialog." Allerdings sieht Tomi auch, dass jeder Versuch, die Wirklichkeit abzubilden, etwas Anmaßendes hat. "Es ist heute schwer, auf der Bühne etwas Sinnvolles über die Wirklichkeit zu sagen", sagt er.

Die Wirtschaftskrise sei so ein Beispiel. "Das sind komplexe, abstrakte Prozesse, der Einzelne besitzt keine Handlungsmacht, kann man davon auf einer Bühne mit handelnden Darstellern sinnvoll erzählen? Hat Handeln heute noch Substanz?" Solche Fragen müsse man sich stellen. "Allerdings sind ja auch viele Krisentreffen nur Schauveranstaltungen, das eignet sich vielleicht doch ganz gut für die Bühne."

Nach der Schauspielschule ging Tomi zum ersten Engagement nach Bielefeld, arbeitete dann frei in Wien und Weimar. Dort hörte er vom Neuanfang in Düsseldorf, davon, dass hier Regisseure wie Nora Schlocker arbeiten würden. Als man ihm zum Vorsprechen einlud, ging er hin und wurde genommen. So lebt er sich nun in Düsseldorf ein. "Viel Zeit zum Herumstreunen hatte ich noch nicht, aber das Viertel um den Fürstenplatz, in dem ich wohne, gefällt mir schon sehr."

(RP/jco)