Düsseldorf : Sonne, Mond und Töne

Der Düsseldorfer Vibrafonist Mathias Haus hat ein wundervolles Doppelalbum den Gestirnen gewidmet, die unser Leben bestimmen.

Es ist schon erstaunlich, was Wissenschaftler über die Sonne herausgefunden haben, obwohl sie sich ihr nie genähert haben oder von dieser Annäherung nie zurückgekehrt sind. 6000 Grad heiß soll die thermonuklear gespeiste Strahlung der Oberfläche sein; über die Lage im Inneren können wir nur mutmaßen.

Egal. Die Sonne ist Mysterium und Kultobjekt, ohne sie gedeiht nichts, doch mit ihr stirbt alles. Jetzt gibt es ausgerechnet aus dem Jazz eine astrophysikalisch präzise Verortung des Sonneninneren. "Heart Of The Sun" heißt ein Stück eines wundervollen Albums des Quartetts um den (seit seiner Jugend mit Düsseldorf eng verbundenen) Vibrafonisten Mathias Haus. Diese Sonne ist eine dynamische, oszillierende, unruhige Masse, aber die Vorgänge in ihr sind regelhaft, die Sonne produziert kein Chaos, sondern fröhliche Eruptionen. Natürlich hat das viel mit Minimal Music zu tun, aber es ist kein Rattern der Patterns, sondern eine lyrische Trance, in die man umso lieber fällt, als man lange nicht etwas so Schönes von dieser Sonne erlebt hat. Unsereiner bekommt schon im Mai Sonnenbrand.

Mathias Haus entwirft hier aber über seine aktuelle Situation hinaus ein Szenario eines jazzigen Lebens, in dem viel passiert ist. Der gebürtige Essener wuchs in Düsseldorf als Sohn der Harfenistin Marianne Haus und des Schlagwerkers Friedbert Haus auf. Als er zehn war, bekam er Klavierunterricht bei Ilonka von Nevay und trat ins Kinder-Schlagwerkensemble seines Vaters ein, der ihn auch ab 1979 an der Robert-Schumann-Musikhochschule ausbildete. Die wichtigsten Impulse bekam er ab 1983 an der Berklee School of Music in Boston - bei keinem Geringeren als Gary Burton. Außerdem studierte er Komposition und Arrangement bei Hal Crook. Damals - Donnerwetter, das ist ja schon 35 Jahre her! - gingen die Wurzeln in die Tiefe, von denen sich jetzt noch immer neue und frische Triebe aus dem Hausbaum recken.

Haus' neues Album ist ein Konzeptkunstwerk aus zwei Hälften. Die erste ist ein fetter gelber Punkt auf blauem Grund. Unschwer handelt es sich um die Sonne, und so heißt die CD auch: "Land Of The Sun". Mit kühlem Kopf wird sie gespielt, weil die rhythmisch-metrischen Verläufe der Musik ohne Kontrollmechanismen zur Überhitzung führen würde.

Die zweite CD ist dagegen eine zwielichtige Angelegenheit, folgerichtig heißt sie "Land of The Moon": ein grauer Ball, der mit Narben und Löchern durch eine ziemlich einsame schwarze Welt zieht.

Als Künstler steht bloß "Haus" auf dem Cover, was aber keine Selbstüberhöhung des Vibrafonisten ist. Der 54-Jährige ist der Idealfall eines Teamplayers, ein unermüdlich Suchender auf den Kontinenten und in den Sonnensystemen der Musik. Und wer sucht, der findet - auch das Überraschende, Überwältigende, Umstürzlerische. Wer hätte gedacht, dass der Sonne so viel Charme und Liebreiz innewohnt, wie es die Stücke zwei und vier der Sonnenhälfte zeigen? "Gloria" etwa beginnt mit einer fast banal aufsteigenden Tonleiter, die alsbald herzumklammernde Wärme ausstrahlt.

"Haus" ist also ein Quartett, dem neben dem Vibrafonisten der Pianist Hendrik Soll, der Kontrabassist André Nendza und der Schlagzeuger Mirek Pyschny angehören. Diese vier erzeugen eine Energie, die gleichzeitig in die Horizontale der Zeit und in die Vertikale der Harmonik durchbricht. Solls Piano ist eine wundervolle Fundgrube der Klänge, Nendzas Kontrabass ein grandios geeichter Geigerzähler, der alles registriert, was um ihn herum an Aktion passiert, und sofort verarbeitet. Und Pyschnys Schlagzeug ist ein herrliches Fass ohne Boden, aber mit maximaler Diskretion. Es gibt da Phasen, von denen man vor dem Schwurgericht aussagen würde, dass Pyschny nicht mitgespielt hat - er tat's trotzdem. Als Team sind diese Herrschaften eine sichere Bank, auf der man vergnügt Platz nimmt.

Während die Sonne also eine menschenfreundliche, nie zerstörerische Mitwirkende ist, behält der "Mond" seine fahlen Farben. Schon der Beginn ist so aschig, als drohe gleich ein Wolf zu heulen; man denkt an den mysteriösen Kontrabass in Mahlers 1. Symphonie. Zum Glück für uns und den Mond hellt sich die CD auf, aber zum lachenden Glück, das man mit der Sonne hatte, reicht es nicht. Der Mond ist halt ein melancholischer Kollege.

Zusammen sind die beiden unschlagbar. Genau wie diese Platte.

(w.g.)