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Siren Eun Young Jung im Kunstverein: Techno und koreanisches Theater

Siren Eun Young Jung im Kunstverein Düsseldorf : Techno und koreanisches Theater

Der Kunstverein widmet Siren Eun Young Jung eine Ausstellung.

Im Korea der 1950er Jahre gab es eine ganz besondere Art des Theaters, das Yeoseong Gukgeuk. Die damals sehr populäre Kunstform ähnelt der traditionellen koreanischen Oper, allerdings werden alle Rollen – egal ob weiblich oder männlich – von Schauspielerinnen gespielt. In den späten 1960er Jahren ist das Drama der weiblichen Gukgeuk nahezu in Vergessenheit geraten, nicht zuletzt aufgrund reaktionärer Modernisierungsideologien der Militärregierung des damaligen Präsidenten Park Chung-hee.

Mit der weiblichen Aufführungspraxis beschäftigt sich nun die Ausstellung „Deferral Theatre“ der koreanischen Künstlerin Siren Eun Young Jung im Kunstverein. Seit 2008 setzt sich Jung in ihrer künstlerischen Arbeit mit dem Yeoseong-Gukgeuk-Theater auseinander. Gleich am Anfang der neuen Schau ist auf einem Bildschirm ein Foto eined frisch vermählten Ehepaars zu sehen, das von einer Hochzeitsgesellschaft umgeben ist. Doch der Schein trügt. Als großer Fan des Gukgeuk hatte sich die Braut mit den Schauspielerinnen fotografieren lassen. Bei genauerem Hinsehen werden die sanften Gesichtszüge des Bräutigams sichtbar.

Die Arbeit von Siren Eun Young Jung beruht viel auf Recherche und Interviews. So sind in der Ausstellung immer wieder Videos mit Gesprächen zu sehen. Dort erzählen die wenigen noch lebenden Darstellerinnen von ihren Auftritten in den 1950er und 1960er Jahren. So ergeben sich berührende Interviews, etwa eines, in dem eine 90-Jährige von ihrer fast vergessenen Kunst berichtet.

Zum Glück ist das kein nostalgischer Blick zurück in eine längst vergangene Zeit, sondern ein Dialog mit der Gegenwart. Denn die Interviews und Videos besitzen immer eine inszenatorische und performative Qualität. So lernt man im Laufe der Ausstellung nicht nur die Biografien der Schauspielerinnen kennen, sondern erfährt auch mehr über die gesellschaftliche Funktion des Genres, die spezifischen Umstände seiner Entstehung und seinen Ausschluss aus der offiziellen Geschichtsschreibung in der Militärdiktatur der 1960er Jahre. Durch den Rückgriff auf Archivmaterialien, gesammelte Dokumente und die zahlreichen Interviews eröffnet die Künstlerin mit „Deferral Theatre“ neue Räume. So schafft sie nicht zuletzt auch eine Bühne für die Sichtbarkeit und Verhandlung von queeren Begehren, widerständigen Praktiken und affektbezogenen Fragestellungen.

Zum Höhepunkt der Ausstellung geht es durch einen düsteren Gang, beschallt mit stampfendem Techno. In einem dunklen Raum wird an drei Wänden eine fast halbstündige Videoarbeit projiziert. Darin zu sehen sind drei Performer, die zu marginalen Gruppen der koreanischen Gesellschaft gehören – genau wie die Schauspielerinnen des Yeoseong-Gukgeuk-Theaters vor mehr als 50 Jahren. Die auf einen Rollstuhl angewiesene Wii Lee robbt über den Boden, der Dragking Azangman tanzt im Anzug, und die Transmusikerin Kirara spielt dazu ihren Techno-Soundtrack. Teils hart geschnitten, teils in Überlagerungen flimmert das Video über die dreiseitige Installation. Dank der tollen Musik von Kirara hat diese eine wunderbar vertiefende Qualität. Die auch schon auf der letzten Venedig Biennale, wo Jungs Arbeit im koreanischen Pavillon gezeigt wurde, für Aufsehen gesorgt hat.

Info Die Ausstellung ist bis zum 5. April im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Grabbeplatz 4 (in der Kunsthalle), zu sehen.