Düsseldorf: Sechs Ladies lassen die Hüllen fallen

Düsseldorf: Sechs Ladies lassen die Hüllen fallen

Hausherr Helmuth Fuschl bringt zum Abschied britisches Erfolgsstück in die Komödie. Große Spielfreude im Ensemble.

Unter dem Bildnis der milde lächelnden Queen versammeln sich die Damen des Frauenvereins, bereiten ihre Herbstfeier und das Jahresprogramm vor. Referate wie "Geschichte und Gegenwart des Topflappens" oder "Die wunderbare Welt des Brokkoli" lassen Enge und Mief der Kleinstadt in Yorkshire erahnen. Da gleicht es einer Revolution, wenn sich sechs Mutige entschließen, nahezu hüllenlos für einen Kalender zu posieren - und sei es nur, um Geld für einen guten Zweck zu sammeln.

Nach der Filmvorlage "Kalender Girls" (2003) schrieb Drehbuchautor Tim Firth ein Bühnenstück, das im englischen Theater alle Rekorde brach. Regisseur Helmuth Fuschl nutzte es für sich als Steilvorlage: Schräger britischer Humor auf dem Düsseldorfer Boulevard - dieser Abschied als Hausherr der "Komödie" war ganz nach seinem Geschmack. Am Anfang schickt er seine muntere Truppe noch recht gemächlich ins Rennen. Die Damen offenbaren sich mit ihren Schrullen, Kabbeleien und Alltagsproblemen. Aber dabei ahnt man auch schon ihre unterdrückten Sehnsüchte und unerfüllten Wünsche ans Leben. Zaghafte Versuche in frecher Verkleidung, etwa zu Weihnachten, deuten an, was unter der angepassten Oberfläche schlummern könnte. Sich jedoch vor der Fotolinse als "Miss des Monats" zu entblättern, ist wieder ein ganz anderes Kaliber.

Da mag Anführerin Chris noch so beherzt verkünden: "Nackt bedeutet Details, Akt Andeutung." Und doch ist die tapfere Tat schließlich für jede, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven, so etwas wie ein Befreiungsschlag.

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In Fuschls flotter Inszenierung wird das Ausziehen mit Witz und ohne Peinlichkeit gelöst. Zunächst schleichen die Heldinnen in ihren geblümten Morgenröcken und Bademänteln voller Hemmungen vor die Kamera und jonglieren verschämt mit ihren Requisiten. Dann rücken sie sich immer selbstbewusster und mit ulkigen Einfällen ins rechte Licht. In der wunderbaren Schlüsselszene bedeckt Andrea Spatzek ihre Blöße mit Blumen, Marijke Amado mit Käselaiben, Beate Abraham mit Strickzeug, Gudrun Gabriel mit Teegeschirr, Michaela Klarwein mit Rosinenschnecken und Antje Lewald mit Notenblättern. Das machen sie so charmant wie selbstironisch und zum puren Ergötzen des Publikums.

Damit überspielen die Düsseldorfer Damen auch die kleinen Schwächen der deutschen Übersetzung, die nicht alle Pointen des Originals einzufangen vermag. Dem Vergnügen am Stück tut das wenig Abbruch, solange eine dermaßen gut aufgelegte Riege die Bühne beherrscht. Liebevoll gezeichnet sind auch die Nebenrollen. Christiane Hecker hat als moralische Instanz des Vereins einen fabelhaften Auftritt. Kristof Stößel amüsiert als schüchterner Fotograf und schriller Fernsehregisseur. Sylvia Schlunk wirkt als beflissene Rednerin mit, Bettina Jerch als überdrehte Kosmetikerin. Martin Gelser spielt einfühlsam den sanften, sterbenskranken John.

Mit poetischen Worten vergleicht er die Frauen mit Blumen: "Jede Stufe des Wachsens hat ihre eigene Schönheit." Sein Tod ist es, der die Freundinnen zu "Kalender Girls" macht. Erst wollen sie nur für ein Sofa sammeln, damit das Warten im Verwandtenzimmer auf der Krebsstation erträglicher wird. Weil die Nachricht von ihrer Aktion aber um die Welt geht, erreichen die Spenden eine ungeahnte Höhe - was sich in England tatsächlich genau so zugetragen hat. Das erfrischende Loblied auf die Freundschaft und den Mut reifer Frauen traf bei der Premiere den Nerv des Publikums. Langer, freudiger Beifall.

(RP)
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