Schwejk hatte Premiere am Düsseldorfer Schauspielhaus

Klassiker in neuem Gewand im Schauspielhaus Düsseldorf : Apokalypse Schwejk

Im Düsseldorfer Schauspielhaus hatte mit „Schwejk“ in der Bearbeitung von Peter Jordan ein buntes Kriegstheater Premiere.

Schwejk ist der glücklichste Dumme, den man sich vorstellen kann. Er treibt durch die Wirren des Ersten Weltkriegs, vorbei an den Abgründen, in denen für die vielen Toten kaum noch Platz ist. Der arglose Hundezüchter aus Böhmen wird zufällig Soldat. Er gerät an die Front, und es ist seinem fabelhaften Geschick zu verdanken, dass er heikle Situationen quicklebendig übersteht. Aus eigener Kraft erhebt er sich zum Liebling der Götter, denn er gibt jenen Recht, die ihn bedrängen, und er ist ergebener Diener, wo Auflehnung erwartet wird.

Viel subversive Kraft steckt in dem unvollendeten Schelmenroman „Der brave Soldat Schwejk“ von Jaroslav Hašek. Für das Schauspielhaus hat sich Autor und Schauspieler Peter Jordan die Geschichte jetzt vorgenommen. Seine Version feierte im Central am Düsseldorfer Hauptbahnhof Premiere. Aus dem 1000 Seiten starken Original extrahiert Jordan die Essenz. Er nutzt einzelne Stationen für eine Grundstruktur, um seinen Helden und das Publikum einem Dickicht von Assoziationen auszusetzen. Das klingt vielversprechend und nach Turbulenz, hat aber auch Schwächen.

Die Bühne ist bergbaugrau. Es gibt ein Waschbecken in 2,50 Meter Höhe, damit es niemand stiehlt, eine Treppe und zwei Türen, durch die alle Figuren ein- und austreten. Bis auf Schwejk. Er ist gefangen in diesem Graben, in dem sich der Krieg mit seinen Nebenhöllen ausbreitet. Dabei ist er bloß hineingepurzelt in die große Menschheitsgeschichte, wie ein Außerirdischer, dem keine Frage zu naiv sein kann, um sie zu stellen. Er schaut sich um, positioniert sich neu, wenn ihm die Geschehnisse zu Leibe rücken. Das Morden geht ihn doch gar nichts an! „Irgendwer wollte was von irgendwem. Das ist Krieg“, lautet Schwejks glasklare Definition, die in ihrer Schlichtheit die Grausamkeit aller Schlachten offenbart.

Den Schwejk spielt Peter Jordan. Beeindruckend unnachgiebig erfüllt er die Figur mit Arglosigkeit als handele es sich um einen eigenen Aggregatzustand. „Wie fühlt sich das an, blöd zu sein“ wird Schwejk gefragt. „Gut. Das merken ja nur die anderen.“ Treuherzig kommentiert er Befehle und erkundigt sich besorgt bei Offizier Lukasch, ob nicht die vielen Schäferstündchen seine Kräfte übersteigen. Der hochrangige Militär hat es sich in seinem Dasein mollig eingerichtet. Trägt goldene Shorts und pfeift auf Disziplin. „Ich sauge so viel Leben in mich auf, damit mich das Leben umbringt“, sagt Lukasch. „Warum soll das der Tod erledigen?“ Der richte Übles an mit seinen Granaten, dem Gas und den Bomben. „Nein“, sagt er, „ich will lieber am Leben zugrunde gehen.“

Jordan schlägt Brücken in Gegenwart und Zukunft, flaniert durch Literatur und Film. Er flicht originale Radioansagen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs ein, persifliert die erste Strophe des Deutschlandliedes, lässt den Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“ und „Siegfrieds Tod“ erklingen. Felix Krull hat in der Szene von Schwejks Musterung einen Gastauftritt und präsentiert seinen epileptischen Anfall, Woyzeck und die fiesen Versuche an ihm durch den Doktor sind ebenso mit von der Partie wie Hitler und Sequenzen der Kinofilme „Platoon“ und „Apokalypse Now“ .

Wenn es darum geht, versiert aus dem Vollen zu schöpfen, langen Peter Jordan und Leonhard Koppelmann, der auch bei Schwejk Regie führt, zu. Die Erfolgsstücke „In 80 Tagen um die Welt“ und „Queen’s Men“ geben ihnen recht. Die Geschichten nehmen Fahrt auf, ohne ihre Andockpunkte zu verlieren. Bei „Schwejk“ ist das in dieser Konsequenz nicht der Fall. Clownerien und Persiflagen werden zu oft aneinandergereiht, ohne eine inhaltliche Verdichtung herzustellen, so dass die Komik irgendwann im Klamauk versinkt.

Es scheint fast, als habe Jordan alles gesammelt, was eine Schnittmenge mit der Vorlage haben könnte, um seine Schätze dann auf einem Tisch auszubreiten und kräftig darauf einzudreschen, damit ordentlich Funken sprühen. Der sanfte Rebell Schwejk, den er so wunderbar angelegt hat, verliert seine zentrale Position, und die Inszenierung droht aus den Fugen zu geraten.

Herausragend ist die Leistung der Schauspieler – sie verleiben sich ihre Rollen derart begierig ein, dass man aufspringen und „Yeah“ rufen möchte. Glanzpunkte sind die Auftritte von Minna Wündrich als Minna von Barnhelm und als Europa. In bodenlangem blauen Tüllkleid kriecht Europa aus einem Granatenkrater und preist die Völkerverständigung. Michael Sieberock-Serafimowitsch gelingt es nicht nur in dieser Szene, einen Teppich von Beklommenheit auf das Publikum zu legen. Er verantwortet Bühne und Kostüme und erledigt dies meisterlich.

Warmer Applaus und Jubel der Kollegen.