Schauspielhaus in Düsseldorf: Ein Schweijk für die Gegenwart

Premiere im Düsseldorfer Schauspielhaus : Ein Schwejk für die Gegenwart

Peter Jordan hat den Klassiker fürs Schauspielhaus bearbeitet. Und er spielt selbst die Titelrolle. Am Freitag feiert das Stück Premiere.

Kanonendonner, Kugelhagel, Schlachtengetümmel. Auf der großen Bühne im Central ist schon bei der Probe die Hölle los. Mitten im Lärm und im panischen Gerenne steht einer ganz still und sagt: „Mir kann nichts passieren. Mir ist noch nie etwas passiert. Ich hab niemandem was getan. Ich habe meinen Humor, die Menschen mögen mich. Und die Hunde.“

Damit beschwichtigt sich Schwejk, der sanfteste Soldat der Literatur. Im ersten Weltkrieg wurde die Figur von Jaroslav Hasek ersonnen und in Fortsetzungs-Blättchen unters Volk gebracht. Es geisterten schon viele Varianten des Stoffs durchs Theater, am bekanntesten wurde Bertolt Brechts „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“.

Nun kommt im Schauspielhaus eine neue Fassung von Peter Jordan hinzu, am Freitag ist Premiere. Mit Leonhard Koppelmann lieferte er im Düsseldorfer Theaterzelt zwei schwungvolle Inszenierungen ab: „In 80 Tagen um die Welt“ (2016) und „The Queen’s Men“ (2017). Diesmal sind die Aufgaben anders verteilt. Koppelmann führt Regie, Jordan erarbeitete den „Schwejk“-Text und spielt auch die Titelrolle.

„Eine Idee von Wilfried Schulz“, erzählt er beim Probenbesuch. „Er hatte, als er das Stück las, noch einige Fragen. Ich spielte ihm dann vor, wie ich das meine, wenn Schwejk ins Trudeln gerät. Daraufhin kam der Vorschlag, dass ich es gleich selber mache.“ Peter Jordan ist ausgebildeter Schauspieler. Er gastiert häufig am Thalia-Theater Hamburg und sprang in Düsseldorf mehrmals ein, zuletzt bei „Menschen im Hotel“.

„Schwejk“ entstand als Auftragswerk und sollte nach dem Willen des Intendanten „schon auch ein bisschen lustig sein“ – ganz wie man es von dem Duo Jordan/Koppelmann kennt. Woran orientierte sich der Autor? „Immer an der Originalität der Unmöglichkeiten“, antwortet er. „Ich wollte durchaus ein bisschen darin rumfuhrwerken. Also habe ich einige Figuren erschaffen, die es in der Vorlage nicht gibt. Die aber, wie etwa Wallenstein, mit Krieg zu tun hatten.“

Für den alten Adel im gescheiterten Europa steht die Zarentochter Anastasia. Auch Ares, der griechische Gott des Krieges, hat seinen Auftritt. „Im Ersten Weltkrieg verkriechen sich alle ganz tief im Schützengraben, wie die Maulwürfe“, beschreibt Peter Jordan. „Was die Menschen auf der oberen Ebene anstellen, damit haben nicht einmal die Götter gerechnet. Selbst Ares verzieht sich, weil ihm das zu viel ist.“

Seinen Part als Titelheld lernte Jordan schnell schätzen. „Ich weiß ja recht gut, was ich damit will, wenn ich das vorher im Kopf habe“, sagt er. „Ohnehin ist es so, dass ich mich beim Inszenieren manchmal etwas langweile. Man braucht dafür zwei Techniken, eine für das Stellen und Entwickeln einer Szene, die andere für das Üben. Ich bin mit meiner Regie-Arbeit eigentlich fertig, wenn die Szene steht. Das dauernde Üben und Wiederholen habe ich auch als Schauspieler immer gehasst.“ Er lacht. „Jetzt aber trifft mich diese Kernhärte der Disziplin mit aller Wucht.“

Bekannte Elemente aus der Vorlage tauchen auf: die Musterung, das Irrenhaus, die Fahrt zur Front, bei der Schwejk die Notbremse zieht. Der Fokus aber liegt auf dem „Clowning“, wie Jordan es formuliert. „Der Clown steht für Anarchie, für die menschlichste Verhaltensweise und für ein nicht funktionierendes Individuum in einer maschinisierten Welt. Und eine Armee ist eine Maschine.“ Schwejk widersetzt sich den Befehlen. Ist er müde, marschiert er einfach nicht weiter und legt sich hin. „Eine ideale Figur, um Herrschaftsformen wie Hierarchie und Anarchie in Frage zu stellen“, sagt der Autor.

Die fröhliche Logik des naiven Soldaten: „Warum in den Krieg ziehen, um dort zu sterben? Da gehe ich doch lieber gar nicht erst hin.“ Peter Jordan wählte den Clown, um die Sinnlosigkeit von Schlachten zu transportieren: „Man kann auf moralischer Ebene kein Antikriegsstück machen“, glaubt er. „Deshalb muss ich meine Moral süffig verkaufen.“

Die überbordende Folklore des Mammutwerks hat er für seine knapp zweistündige Essenz abgespeckt. Nach dem ersten Einblick verspricht „Schwejk“ ein saftiges Bühnen-Spektakel zu werden.

Wenn aber der Soldat mit seiner Einfalt am Ende als Heilsbringer gefeiert wird, flackern Bezüge zur Gegenwart auf, bei denen einem ganz schön mulmig werden kann.

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