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Schau „Einige waren Nachbarn; Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand“

Dokumente der Nazi-Zeit : Die Mitschuld der Gaffer

Die Mahn- und Gedenkstätte zeigt die Sonderausstellung „Einige waren Nachbarn – Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand“. Sie wurde vom United States Holocaust Memorial Museum in Washington kuratiert.

Die Familie im ersten Stock hat beide Fenster weit geöffnet, damit alle einen guten Blick auf das Geschehen unten auf der Straße haben. Dort führt die Polizei gerade jüdische Menschen ab. Im Fokus drei Frauen, starr vor Angst. Ihr Entsetzen ist der Bildschwerpunkt, alle Relevanz kommt von den drei Jüdinnen. Beinahe vergisst man die Zuschauer am Fensterbrett, die womöglich ihre Kaffeerunde unterbrochen haben, um mitzuerleben, wie Schikane in das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit expandiert. Formal befinden sich die Gaffer am Rand der historischen Aufnahme, die derzeit in der Mahn- und Gedenkstätte zu sehen ist. Jedoch rückt die dort neu eröffnete Ausstellung die Nebendarsteller ins rechte Licht. Sie spielen im Zusammenhang mit dem Holocaust eine zentrale Rolle. Durch sie wurde er möglich. Nur ein bisschen dabei sein geht nicht, wenn die Welt aus den Fugen gerät.

„Einige waren Nachbarn – Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand“ ist der Titel der aufschlussreichen Sonderausstellung, die das United States Holocaust Memorial Museum Washington kuratiert hat. Eine mobile Schau, die nicht nur auf Deutschland, sondern auf ganz Europa blickt. „Wir befassen uns in der Hauptsache mit den Opfern und den Tätern“, sagt Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte. „Doch was wussten die Leute am Fensterbrett?“ Jene also, die Zeugen unzähliger Vergehen wurden, und keine Hand rührten, um sich dem Grauen zu widersetzen. „In der Forschung nennen wir sie ,Bystander‘ – Gaffer, Räuber, Profiteure.“

Die Fotografien und kleinen Texte kreisen um die Frage nach Mitwisserschaft und Schuld. Unschuldige Menschen werden tyrannisiert, geschlagen und ermordet, während andere beharrlich zuschauen. Manchmal feuern sie die Schergen an, manchmal amüsieren sie sich offen über die Gewaltakte und blicken lachend in die Kamera. Ein Bild zeigt Polizisten, wie sie eine Frau durch die Straßen treiben. Um den Hals trägt sie ein Schild: „Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich von einem Juden schänden lassen.“ Männer und Frauen flankieren das Drama ungeniert und spazieren mit. Zwei Freundinnen, nur wenig jünger als die Gedemütigte, haken sich leutselig ein. Der schauerliche Akt muss ihnen wie ein Festzug vorkommen.

„Heutzutage haben die Menschen kein Problem, sich von den Tätern vom damals zu distanzieren und Empathie mit den jüdischen Familien zu haben“, sagt Fleermann. „Aber wenn es um die Frage geht, was die eigenen Großeltern gewusst haben, sind die Dinge plötzlich nicht mehr so klar.“ Da werde vieles verdreht, sagt Astrid Hirsch, Mitarbeiterin der Gedenkstätte. Sie erlebt das während ihrer Führungen oft. Manchmal helfen Zahlen, die Dinge zurechtzurücken. „Eine bundesweite Umfrage hat ergeben, dass 22 Prozent der Menschen glauben, dass ihre Angehörigen helfend eingegriffen haben“, sagt Fleermann. „Tatsächlich aber sind es 0,1 Prozent gewesen. Das ist aktenkundig.“

Ihn und Astrid Hirsch verblüfft immer wieder, wie forsch Menschen mit dem Mythos, „nichts gewusst zu haben“, argumentieren. Fleermann berichtet: „Am helllichten Tag wurden mitten in der Woche in Düsseldorf tausend Menschen mit gelbem Stern über die Tussmann- und die Yorckstraße zum Schlachthof Derendorf geführt, von wo aus sie deportiert wurden.  Zeitungen haben über die Eröffnung neuer Konzentrationslager berichtet und Termine von Versteigerungen aus nichtarischem Besitz veröffentlicht. Und das will niemand mitbekommen haben?“ Der Wissenschaftler schüttelt den Kopf.

Ursprünglich sollte die internationale Ausstellung um lokale Begebenheiten und Erkenntnisse ergänzt werden. Vieles davon war interaktiv geplant und ist jetzt wegen der Beschränkungen zur Corona-Pandemie nicht realisierbar. Manches wird in andere Formate wie einen Podcast gegossen. Wenn es soweit ist, informiert die Mahn- und Gedenkstätte ihre Besucher. Wie andere städtische Institute wurde das Haus erst vor wenigen Tagen wiedereröffnet.

Die Dauerausstellung zu Düsseldorfer Kinder und Jugendlichen während des Nationalsozialismus kann also wieder besucht werden. Ebenso wie die Sonderausstellung „Manche waren Nachbarn“, die bis zum 21. Juni läuft. „Das Thema ist hochaktuell“, sagt Hirsch. „Wir müssen alle wissen, wo wir uns in Zukunft anlehnen.