Saxofonist Reiner Witzel: Globetrotter des Jazz

Saxofonist Reiner Witzel: Globetrotter des Jazz

Uruguay, Malaysia, Kamerun oder China: Der Düsseldorfer Saxofonist Reiner Witzel reist für die Musik durch die Welt.

Die schönsten Erinnerungsalben mancher Leute sind ihre Reisepässe, wenn sie Stempel, Vermerke, Aufkleber und Unterschriften aus vieler Damen und Herren Länder tragen. Mit jeder Seite ist ein Moment verbunden, da man ein fremdes Land betrat. Beim Blättern im Pass schießen einem zahllose Bilder durch den Kopf.

Reiner Witzels Reisepässe sind aber auch reichhaltige Tätigkeitsnachweise. Der in Düsseldorf lebende Saxofonist zählt zu Deutschlands Jazzmusikern, die sehr oft im Flugzeug sitzen und in die Welt reisen, um Musik zu machen. Er war in Xi'an (China), in Odessa (Ukraine), in Montevideo (Uruguay), in San José (Kalifornien), in Sansibar (Tansania), in Kuala Lumpur (Malaysia) oder Yaounde (Kamerun) - und weil der Lockenkopf überall vitale Eindrücke hinterlässt, bekommt er stets neue Einladungen.

Witzel, 1967 in Mannheim geboren, machte sich und seiner Umgebung schon im Studium klar, dass er interkontinental denkt. Er studierte zuerst in Köln und dann - eine Südamerika-Tournee des NRW-Landesjugendjazzorchesters war der Auslöser gewesen - an der Manhattan School of Music in New York. Dorthin hatte er sich per Ein-Jahres-Stipendium beworben, und weil Witzel überall im Ausland am liebsten sofort Wurzeln schlagen möchte, wurden drei Jahre daraus.

Das war eine wertvolle Zeit, weil er viel für den Jazz lernte und weil er (fast noch wichtiger) zahllose Leute kennenlernte. Witzel ist ein ungemein kommunikativer, liebenswerter Typ, der in der Ferne auch vor exotischen Experimenten nicht zurückschreckt. "Als ich einmal in Taiwan ein Omelett aus Ameiseneiern angeboten bekam, habe ich gesagt: ,Klar, warum nicht!'" Berührungsängste? Kaum. Auch die Auswahl der Musiker, mit denen er schon zusammengespielt hat, liest sich prominent und ungewöhnlich vielsprachig: Richie Beirach, Fela Kuti, Marla Glen, Defunkt, die HR-Bigband, Xavier Naidoo, das Gil Evans Orchestra, Alex Sipiagin, Vinx, Sasha, Fury in the Slaughterhouse. Und Udo Lindenberg.

Witzel ist seit vielen Jahren Düsseldorfer, er wuchs in Golzheim auf und lebt jetzt in Stockum - und wenn er im Garten sitzt, hat er den Flughafen auch akustisch in der Nähe. Fernweh ist bei ihm genetisch hinterlegt, seine Eltern (beide wirkten als Ärzte in Düsseldorf) waren mit der Familie immer viel unterwegs, so verlernte Witzel intuitiv jede Furcht vor dem Ausland. "Bei mir ist es aber nicht nur Fernweh. Ich empfinde wirklich wie ein Nomade. Ich muss reisen. Wenn es geht, nehme ich meine eigene Familie natürlich mit." Ein Glück, dass seine Frau Ludmilla, eine Cellistin, selbst Musikerin ist. Sie kann sich vorstellen, wie auf einem Marktplatz in Kamerun plötzlich eine zugleich brodelnde wie menschenumarmende Stimmung aufkommt, wenn musizierende Kulturen aufeinanderprallen.

Das sind diese Momente, die Witzels Leben bereichern: "Ich bin dankbar für diese Freundschaften, die in allen Ländern so leicht entstehen, wenn man sich selbst öffnet." Wenn er in Yaounde ankomme, gebe es immer Leute, die ihn auf der Straße erkennen und begrüßen. Gewiss sieht Witzel dort nicht gerade wie ein Einheimischer aus, aber er vermittelt jedem das Gefühl, dass seine Zuwendung weder geheuchelt noch ein nur formaler Akt ist. "Immer wieder fasziniert mich diese Möglichkeit, als Mensch und als Musiker die Winkel dieser Erde zu ergründen, und wenn ich die Wahl hätte, einen gut bezahlten Auftritt in NRW oder einen vermutlich chaotischen Gig in Laos anzunehmen, würde ich mich sofort für Laos entscheiden."

Ganz gewiss ist dieses Leben auf dem Weltbürgersteig auch nützlich für Düsseldorf. Hier ist er Mitbegründer und Mitglied des Jazz Ensemble Düsseldorf (JE:D). CDs veröffentlichte er mit seinen Gruppen Reiner Witzel Group, Witzel's Venue, Drei im roten Kreis und Datfunk aus Athen. Er sitzt in der Jury des Förderpreises Musik (den er selbst 1994 bekommen hat) und berät Musiker; er komponiert, unterrichtet und fabrizierte das komplette Audio-Design für "Eins live". Witzel ist mit jeder Faser Musiker, der die Vermittlung seiner Kunst liebt. Wenn bei ihm daheim dicke Post aus Kamerun liegt, dann sind es vermutlich Flyer für einen Workshop, an dem er als Dozent mitwirkt. Und wenn sein Handy klingelt, "ist es manchmal ein Musiker aus China, der hier Saxofon studieren möchte und meine Hilfe braucht".

Und so wird der garantiert angstfreie Reiner Witzel im Mai wieder im Flugzeug nach Kamerun sitzen, für Konzerte und Aufnahmen mit der Sängerin Kareyce Fotso, die dann auch auf der "Schauinsland - Reisen - Jazzrally" auftreten wird (in deren Programm-Beirat Witzel mitwirkt). Für 2019 ist eine Afrika-Tour geplant.

Und sein Saxofon im Flugzeug? Kein Ärger mit pingeligen Airlines? Witzel hat nur gute Erfahrungen gemacht: "Das war noch nie ein Problem, ich habe einen ganz kleinen Instrumentenkoffer, den nehme ich immer als meine Handtasche mit. Und ansonsten habe ich aber auch nur einen Koffer als Handgepäck dabei. Das ist wirklich mein einziger Albtraum: in der Ferne ohne Gepäck dazustehen."

(w.g.)