Düsseldorf: Salonnière lockt in ihr Wohnzimmer

Düsseldorf : Salonnière lockt in ihr Wohnzimmer

Die Lyrikerin Konstanze Petersmann versammelt regelmäßig illustre Gäste zum literarischen Salon in ihrer Wohnung.

Im zweiten Stock wohnt Frau Petersmann, und das ist das Tor zu einer anderen Welt. Sie hat die Wohnungstür weit geöffnet, heißt einen willkommen. Sie hat schon einen Platz vorgesehen, sagt sie, und geleitet ins Wohnzimmer, das sich nach und nach füllt; "Grüß Gott" und "Guten Tag", um Punkt 15 Uhr sagt Konstanze Petersmann: "Ich begrüße Sie herzlich."

Da sitzen nun also kluge Leute, Professoren, Doktoren, ein Regisseur, der Konsul von Österreich — 19 Geladene, die sich gegenseitig applaudieren, während Konstanze Petersmann die Gästeliste verliest. Illuster nennt man solche Runden wohl.

Um Hans Lebert soll es heute gehen, den österreichischen Schriftsteller, der mit seinem Roman "Die Wolfshaut" die Geschichte seines Heimatlandes beackert — zornige Abrechnung mit der NS-Zeit haben Kritiker sein Werk genannt. Darum ist der Aachener Lebert-Forscher Jürgen Egyptien geladen, der Präsident der Österreichischen Gesellschaft Karl Heinz Marschner und ein österreichisches Ehepaar aus Ratingen. Konsul Riesenbeck hat Petersmann als offiziellen Repräsentanten geladen, der hält ein Geleitwort, das ist ein Termin, den er nicht alle Tage erlebe, erzählt er später.

Wie macht sie das, wie lockt sie diese Menschen in ein Wohnzimmer nach Mörsenbroich? "Tja", sagt Konstanze Petersmann mit stolzer Stimme, "das ist so meine Art." Mit Einfühlungsvermögen hätte das zu tun, sagt sie.

Sie schreibt Briefe und E-Mails, ruft an, erzählt von ihrem Salon und worum es geht und ein paar Monate später stehen die Würdenträger vor der Tür. Die Mäntel legen sie dann übers Sofa im Arbeitszimmer, weil die Garderobe den Platz nicht hergibt, durch den kleinen Flur geht es ins Wohnzimmer, sie setzen sich auf die dunkle Couch und wer zu spät kommt, muss mit einem Klappstuhl vorlieb nehmen.

Seit sieben Jahren veranstaltet Konstanze Petersmann diese literarischen Salons, zwei bis dreimal im Jahr, schön unregelmäßig, damit es nicht zum Event wird, sagt sie. Petersmann kommt aus Danzig, lebte nahe Jena und kam 1983 nach Düsseldorf. Sie ist gelernte Krankenschwester und wird bei Wikipedia als Salonnière geführt. Sie studierte in den 1990ern Literatur an der Fernuni Hagen und veröffentlichte seitdem drei Lyrikbände, zuletzt wurde "Am Rande der ungestillten Brunnen" ins Polnische übersetzt. Sie ist 71 Jahre alt und bietet in der Pause Kanapees und südafrikanischen Roibuschtee an, ihre Tochter Patricia, 38, geht helfend zur Hand, zum ersten Mal, erzählt die studierte Betriebswirtin und sie sagt es frei raus: "Das hier ist wirklich abgefahren."

Bei den Nachbarn flattert die Fortuna-Fahne im Blumenkasten, von draußen peitscht die Hängebuche gegen das Fenster, drinnen trägt Vorleserin Ingrid Schlüter aus Hans Leberts Roman vor. "Ein sprachlich kühnes Meisterwerk", so hatte Konstanze Petersmann die Lesung anmoderiert.

Sie hat ein Pult aus dunklem Holz bereitgestellt, das vermutlich immer da steht, neben dem schweren Teppich, gegenüber ein Flachbildfernseher, nur schwer vorstellbar, dass sie den später zum "Tatort" einschaltet. Im Bücherregal stehen Literaturlexika, die Werke von Goethe und die Reclamhefte im Werther-Gelb, ein CD-Spieler in dem sich nun die Scheibe von Alban Berg dreht. Das war Hans Leberts Onkel. Er hätte das gerne live präsentiert, sagt Clara-Schumann-Musiker Max Maxelon. Nur gaben die Sonaten fürs Cello nichts her, darum nun bedient er die Anlage aus dem Ohrensessel.

Pünktlich um 18 Uhr schließt Konstanze Petersmann ihren Salon, sie hätte das Timing im Griff, sagt sie, und das hat sie. Von den Gästen unbemerkt, hat sie hinter der Couch einen kleinen Wecker platziert, da schielt sie manchmal drauf.

Das Schlusswort überlässt sie Volkmar Hansen vom Goethe-Museum, kurz darauf holen die Gäste ihre Mäntel aus dem Arbeitszimmer.

(RP)
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