Buchvorstellung im Zakk : Ein „Denkmal“ für Wolli Köhler

Rocko Schamoni stellte im Zakk sein Buch „Große Freiheit“ vor.

Der vor drei Jahren verstorbene Bochumer Schriftsteller Wolfgang Welt hat einmal über sein literarisches Projekt gesagt: „Ich will einigen Leuten ein Denkmal setzen, die sonst nicht mal einen Grabstein kriegen würden.“ Jetzt wandelt Rocko Schamoni in seinen Fußspuren, denn er hat mit seinem neuen Roman „Große Freiheit“ genau das getan: Einem Typen ein Denkmal gesetzt, der 2017 nur ein Armenbegräbnis bekommen hat. Wolfgang, genannt Wolli, Köhler, der in den 1960er Jahren aus der sächsischen Einöde in den Hamburger Kiez eingewandert ist und dort genau die zwielichtige Karriere gemacht hat, die einem zu allem bereitem Niemand wie ihm offenstand.

Rocko Schamoni ist es ernst mit seiner Hommage an Wolli Köhler, das macht er auf der Bühne des Zakk gleich klar: Er eröffnet nicht mit einem Witz, sondern mit seinem Foto vom Grabstein des Komikers und Grafikers Heino Jäger. Über das Angebot, dessen Zeichnungen zu erwerben, lernte er vor ein paar Jahren Kiez-Legende Köhler kennen, der mittlerweile in einer Sozialwohnung am Stadtrand lebte. Schamoni freundete sich mit dem ehemaligen Drogendealer und Pornokinobetreiber an, und stürzte sich über seine Erzählungen in die wilde Zeit, als St. Pauli noch keine Touristenattraktion war, sondern wirklich ein heißes Pflaster.

Schamonis Text ist nicht unproblematisch, weil er sich mit seinem späten Freund Wolli Köhler quasi überidentifiziert. Wenn er die Passagen liest, in dem der ehemalige Volkspolizist aus der DDR Dealer wird, später Koberer beziehungsweise Greifer für ein Striplokal und schließlich Pornokinobetreiber, dann verleiht er ihm die Stimme, die aus seinen autobiographischen Romanen wie „Dorfpunks“ oder „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ bekannt ist: die des Underdogs, der vom Irrsinn der Zeit latent überfordert ist.

Die Lesung macht natürlich trotzdem Spaß. Weil Schamoni ein begnadeter Entertainer ist und immer wieder interessante Informationen einstreut – zum Beispiel darüber, dass eigentlich alle harten Drogen von Deutschen erfunden wurden: „Bayer meldete ein paar Tage nach dem Patent für Aspirin das für Heroin an.“ Wenn er sprachlich in die tiefsten Tiefen der Gosse hinabsteigt und eine Hure ihre ekligsten Freier schildern lässt, dann ist sein Stil besonders groß.

Schamoni unterschlägt übrigens nicht, dass schon einmal ein Buch über Wolli Köhler erschienen ist: Hubert Fichte, der auch eine Hommage an die legendären Kneipe „Die Palette“ geschrieben hat, veröffentlichte 1978 das heute vergriffene „Wolli Indienfahrer“. Das Publikum findet großen Gefallen an der erneuten Denkmalsetzung – auch wenn ihr Autor mehr Kamillentee als Bier trinkt und immer wieder mit dem schalen Witz von der angeblichen Stadtfehde zwischen Düsseldorf und Köln zu punkten versucht.

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