Von Wolfram Goertz Was den Aspekt des Scharfsinns betrifft, so waren dem großen Igor Strawinsky vermutlich die allermeisten Komponisten unterlegen. Der Mann hatte schriftstellerisches Format, anders als beispielsweise der olle Wagner, dessen theoretische Schriften unter belletristischen Gesichtspunkten eine ziemliche Plage sind. Strawinskys „Chroniques de ma vie“ sind ein Geniestreich. In diesem Meilenstein des Musikschrifttums finden wir einen hellsichtigen Passus über Beethoven, der mit diesen Worten schließt: „Da haben wir einen der größten schöpferischen Musiker, der sein Leben hindurch diese Gabe herbeisehnte, die ihm versagt war. Und so hat dieser bewundernswerte Taube seine außergewöhnlichen Fähigkeiten im Verhältnis zu dem Widerstand entwickelt, den ihm eine Fähigkeit entgegensetzte, die ihm als einzige abging — so wie ein Blinder in der Nacht seine Sehschärfe entwickelt.“ Lebenslang war Beethoven für Strawinsky eine Referenzgröße, weswegen es ein programmatisch schlauer Schachzug der Tonhallen-Dramaturgie war, die beiden Komponisten für das letzte Symphoniekonzert der Saison mit zweier ihrer Meisterwerken zusammenzuspannen: Beethovens Violinkonzert D-Dur und Strawinskys „Feuervogel“. Beethoven, der Melodiker – diese von Strawinsky bewunderte Eigenschaft des Wiener Meisters stand wie eine Kapitelüberschrift vor der Interpretation des Geigers Ray Chen. Der spürte den poetischen Qualitäten des Werks hingebungsvoll nach, ohne es an Formbewusstsein mangeln zu lassen. Der Würzanteil an Paprika, den Chen dem Finale zukommen ließ, erinnerte daran, dass es von Wien nach Ungarn nur wenige Donaudampfschifffahrtsstreckenkilometer stromabwärts sind. Insgesamt erwies sich der taiwanesisch-australische Geiger als enorme Begabung, ach was: als Könner – und er ist derzeit ein wahrlich würdiger Dauermieter jener Stradivari, auf der Joseph Joachim die Uraufführung eines anderen Violinkonzert in D-Dur gespielt hatte, nämlich dem von Johannes Brahms. Diese Geige ist wirklich eine Sensation. Gern würden wir Chen in Düsseldorf erneut erleben, vielleicht mit einen weiteren Violinkonzert in D, nämlich dem von Strawinsky. Die Düsseldorfer Symphoniker begleiteten diese großartige Darbietung  mit schöner Delikatesse und einem luftigen, doch nicht dünnhäutigen Klang. Unter Axel Kober zeigten sie, wie genau und doch zurückhaltend Beethoven sein Orchester instrumentierte: Es gibt da keinen Moment, in dem man auf irgendetwas verzichten könnte. Noch einmal Strawinsky über Beethoven: „Wie seine große Orchesterwerke zeigen, ist die wirkliche Nüchternheit die am seltensten und am schwersten zu erreichende Qualität.“ Nüchternheit kann man der „Feuervogel“-Musik nun wahrlich nicht nachsagen. Schon bei der Uraufführung 1910 waren sich die Pariser Kritiker einig, dass sie eine beispielhafte Komposition gehört hatten. Immerhin waren das fünf Jahre nach Debussys ebendort wegweisender Orchesterkomposition „La mer“. Debussy und Strawinsky verstanden sich beide übrigens a) bestens und b) ausdrücklich nicht als Impressionisten. Axel Kober gelang mit den Symphonikern eine trennscharfe, kaum je raunende, vielmehr zügig-sinnenfrohe Darbietung, die man nicht selten als Summe mehrerer kammermusikalischer Flächen wahrnahm – sozusagen als Mehrpartienhaus, bei dem die Vorderwand komplett fehlt und man in alle Stockwerke gleichzeitig schauen kann. Ergebnis: herrlich kommunikative Nachbarschaft. Schillerndes Blech, Holzbläser ohne Grünspan, Streicher warm und tatenhungrig. Trotzdem blieb das Werk erlebnisintensive Programmmusik, sie illustrierte ja ein Ballett (was angesichts der konzertanten Präsenz der später von Strawinsky entwickelten Suiten schon mal erwähnt werden darf). Die Musiker arbeiteten exzellent heraus, dass Strawinsky im „Feuervogel“ mit grandioser Kombinatorik imponiert. Dies war ja Strawinskys lebenslanges Markenzeichen gewesen, auch in seiner neoklassizistischen und seiner Zwölfton-Phase. Er vernetzte Themen und Stile, baute russisches Urmaterial ein, wusste sich auch als Glied in der Musikgeschichte – und war trotzdem so genial, dass er etwas völliges Neues schuf. Der „Feuervogel“ ist neben dem „Sacre“ und der Symphonie in drei Sätzen sicher seine stärkste Partitur. Kober und seine Leute bewiesen es. Übrigens, was die Kombinatorik betrifft: Der alte Strawinsky spielte leidenschaftlich „Scrabble“.

Ballett-Premiere in der Rheinoper : Etwas mehr Leichtigkeit hätte geholfen

Der Abend „Young Moves“präsentierte junge Tanztalente auf der großen Bühne der Rheinoper.

Gut, dass es die „Young Moves“ des Balletts am Rhein gibt. Hier können sich junge Tänzer als Choreografen ausprobieren und eine eigene Formensprache entwickeln. Ob es für dieses Format immer die große Bühne braucht, ist allerdings fraglich. Mancher Choreografie hätte vielleicht ein kleinerer Rahmen gut getan, das hätte den Werkstattcharakter betont und den Druck genommen, eine große Bühne füllen zu müssen.

Zum vierten Mal präsentierten bei den „Young Moves“ Ensemblemitglieder des Balletts am Rhein ihre eigenen Arbeiten. Herausgekommen ist eine große Bandbreite an Handschriften, die in dem glänzenden Tanz-Ensemble bestmögliche Besetzungen finden. Mit einem starken Bild eröffnet Brice Asnars Erstlingsstück „As it leaves ...“ den Abend. Zehn ganz in grau gekleidete Tänzer stehen auf der Bühne. Ihre Köpfe sind verhüllt, wie bei Verurteilten. Dann werden sie an unsichtbaren Strippen in den Bühnenhimmel gezogen, wo sie eine Zeitlang baumeln. Gruselig.

Eine Frau (Wun Sze Chan) hat sich aus der Gruppe gelöst und von der Kapuze befreit. Mit einem Mann (Daniel Vizcayo) entspinnt sich ein wunderschönes Duo, das das Leben feiert und dem Tod zu trotzen scheint. Sie umschlingen einander, halten sich, wiegen sich. Sie hängt sich, rittlings auf seinen Schultern sitzend, an ihm herunter mit ausgestreckten Armen, wirkt wie sein Spiegelbild. Der Choreograf hat bewusst eine moderne Formensprache gewählt, die HipHop und Streetdance nahe kommt und das Publikum begeistert.

Ebenfalls zum ersten Mal choreografiert Helen Clare Kinney. Sie hat ihr Stück „Unqualified“ mit den Tänzern entwickelt und sich ihnen über Fragen genähert. Sie wollte ein Stück über „die eigene Generation machen“, verrät das Programmheft. Die Texte darin sind lohnenswert: Sie loten gut lesbar und anschaulich aus, was die jungen Choreografen bewegt und animiert. Der Dramaturgie sei Dank! Zu verschiedenen Musiken recken und strecken sich die Tänzer, dann wieder zucken sie plötzlich zusammen, als drohe ein Unheil von oben. Eine Tänzerin wird zum Mittelpunkt erkoren, jeder darf einmal mit ihr tanzen. Alle gemeinsam tragen sie sie auf Händen.

Ein Mann tritt ans Mikrofon und erzählt von einer missglückten Hausparty. Doch dieser plötzliche Ausflug ins Tanztheater wirkt wie ein Fremdkörper in dieser ansonsten rein getanzten Kreation. Die Tänzer erforschen den Raum mit Sprüngen und Drehungen, dann wieder krümmen sie sich, halten sich den Rücken. Zum Schluss, als Rameau erklingt, scheint sich ein Tempowechsel anzubahnen. Doch dann ist das Werk schon zu Ende und wirkt leider etwas unfertig.

Michael Foster hat sich für „Opus 29“ von Rachmaninows „Die Toteninsel“ inspirieren lassen. Foster schafft eine kompositorische Struktur und verzichtet auf erzählerische Elemente. Neun Tänzer durchmessen den Raum in der Diagonale mit Sprüngen und Drehungen. Meist bewegen sie sich synchron, dann wieder kreuzen sie sich reihenweise untereinander. Häufig ist die Formensprache klassisch, die Frauen drehen sich auf Spitze, Paare treffen sich zu Hebefiguren.

Dann folgen moderne Schrittfolgen. Alle Tänzer laufen an die Rampe, das Saallicht geht an, und minutenlang blicken sie ins Publikum, ein gegenseitiges Beobachten. Zum Schluss finden sich zwei Männer (Rashaen Arts, Chidozie Nzerem) zu einem ergreifend leidenschaftlichen Pas de Deux, ein Höhepunkt des Abends.

In „Rococo Variations“ von So-Yeon Kim wird es wieder sehr klassisch. Frauen im farbigen Tutu, Männer in hautengen Trikots. Ein Kronleuchter hängt von der Decke und gibt dem Tanz zu Musik von Tschaikowsky ein höfisches Gepräge. Mal tanzen zwei Frauen zusammen, mal zwei Männer, dann Mann und Frau. Diversität und Vielfalt sind Kims Thema. Etwas Witz und Ironie hätten dem Stück jedoch gut getan. Genau wie allen Choreografien an dem Abend etwas der Mut zum Experiment und die Leichtigkeit des Ausprobierens fehlen.

Termine 9. und 13. Juli, 19.30 Uhr. Karten unter Telefon: 0211 89 25 211. Internet: www.operamrhein.de

Mehr von RP ONLINE