Premiere im Theater an der Kö: "Die Niere"

Theater an der Kö : Beziehungsstress mit Nebenwirkungen

Premiere im „Theater an der Kö“: „Die Niere“ ist ein raffiniertes Stück rund um Liebe auf dem Prüfstand.

Begriffe wie Blutgruppe und Harnsäurewert fallen auf einer Boulevardbühne höchst selten. Und schon gar nicht geht es dort um eine Organspende. Deshalb wagte sich das „Theater an der Kö“ mit dem Stück „Die Niere“ auf unsicheres Terrain. Wie locker und selbstverständlich das Publikum jedoch mit dem sensiblen Stoff umzugehen wusste, zeigte sich nach der Premiere. Es ergab sich sogar noch eine erwünschte Nebenwirkung. Lebhaft wurde im Foyer darüber diskutiert, ob man selber dazu bereit sei, seinem Partner eine Niere zu spenden. Man könnte es ihm ja irgendwann versprochen haben. Nicht mal leichtfertig, sondern aus Überzeugung. Aber würde dies noch gelten, wenn eines Tages der Ernstfall eintritt und man sich neu damit auseinandersetzen muss?

In der Komödie von Stefan Vögel, die Ute Willing mit sicherem Gespür für Pointen und Pausen inszenierte, wird Architekt Arnold von seiner Frau Kathrin mit einer bestürzenden Nachricht konfrontiert. Der Arzt habe ihr eröffnet, sie brauche eine neue Niere. Arnold hält das für einen Witz. Erst als sie insistiert und ihm die Bedeutung einer Lebendspende durch ein Familienmitglied oder den Partner klarmacht, dämmert ihm: Sie erwartet offenbar, dass er ihr eine seiner Nieren gibt. Was sie umgehend abstreitet: „Es bleibt allein deine Entscheidung.“ Eine scheinheilige Behauptung.

Tatsächlich will Kathrin ergründen, zu welchem Opfer ihr Mann für sie bereit ist. Lara Joy Körner spielt ihre Rolle unterkühlt bis abgeklärt. Nur manchmal lächelt sie in sich hinein. Das lässt erahnen, dass sich hinter ihrer beherrschten Fassade noch ein Geheimnis verbirgt. Wie faustdick sie es in Wahrheit hinter den Ohren hat, offenbart sich erst ganz am Schluss – und wird von den Zuschauern mit erstaunten Reaktionen quittiert. Wohl deshalb schwingt in dem überaus herzlichen Applaus für das glänzende Schauspieler-Quartett auch ein Quantum Erleichterung mit.

Bis es soweit ist, rollt im „Theater an der Kö“ eine gut geölte Komödie ab. Hardy Krüger jr. überzeugt als Architekt Arnold, der in Bedrängnis gerät. „Ich hab doch gar nicht nein gesagt“, beteuert er immer wieder. Die Situation überfordert ihn. Er verlangt Bedenkzeit, die ihm die strenge Gattin nicht gewährt. Kathrins harscher Konter: „Ich will deine Niere nicht mehr, Arnold. Ich will eine Niere mit einem anderen Charakter.“

Tatsächlich ist der Gatte ein Egoist, der nur an seinen Job denkt. Gerade hat er mit seinem Kompagnon einen dicken Fisch an Land gezogen. Mitten in Paris werden sie einen Wohnturm errichten. 26 Stockwerke, 132 Meter hoch. Hellblau leuchtet ein Modell des Bauwerks mitten im Wohnzimmer und wird von seinem Schöpfer bewundert wie ein Fetisch. Zur Feier des Erfolgs trifft ein befreundetes Ehepaar ein, Diana und Götz, der sich anzügliche Kommentare nicht verkneifen kann. Er hält den Turm für „phallisch“, was prompt zu Wortgefechten mit dem empörten Arnold führt und in eine Reihe von sexuellen Anspielungen mündet. Sie ziehen sich im weiteren Verlauf durch das Stück und werden, kleiner Schwachpunkt, etwas nervig ausgewalzt.

Urs Schleiff als Frohnatur Götz zuzuschauen, der den Hahnenkampf mit Arnold auf mehreren Ebenen genüsslich befeuert, bereitet dagegen Vergnügen. Doch bald wird auch ihm das Lachen vergehen. Ebenso wie seiner Diana, feinnervig gespielt von Katharina Paul. Überraschende Wendungen halten das Stück auf Tempo. Alle vier haben etwas zu verbergen, und alle plaudern irgendwann aus, was sie zu hüten versprochen hatten. Sei es aus Versehen oder mit voller Absicht, um sich für die eigene Schmach zu rächen und im Gegenzug den Verräter bloßzustellen. Nein, in dieser Komödie geht es nicht wirklich um medizinische Fragen. Da muss niemand Berührungsängste haben. Die Nierenspende steht symbolisch für eine Liebe auf dem Prüfstand – unterhaltsam umgesetzt in einem raffiniert verschachtelten Stück.

Info Theater an der Kö, Schadowstr. 11; Info und Tickets unter
www.theateranderkoe.de

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