Düsseldorf: Peter Pan als Weihnachtsmärchen

Düsseldorf : Peter Pan als Weihnachtsmärchen

Das Düsseldorfer Schauspielhaus zeigt in der Vorweihnachtszeit und noch bis in den Januar "Peter Pan" – die Geschichte vom Jungen, der nicht erwachsen werden wollte. Zu erleben sind starke Hauptdarsteller, doch obwohl viel passiert auf der Bühne, wird wenig erzählt.

Das Düsseldorfer Schauspielhaus zeigt in der Vorweihnachtszeit und noch bis in den Januar "Peter Pan" — die Geschichte vom Jungen, der nicht erwachsen werden wollte. Zu erleben sind starke Hauptdarsteller, doch obwohl viel passiert auf der Bühne, wird wenig erzählt.

Peter Pan ist ein Rockstar, ein singender kleiner Prinz mit grüner Leder-Uniformjacke, der tanzen kann wie Michael Jackson und von den Jungs in seiner Band-Bande bewundert wird. Doch wenn es nicht nach seinem Willen geht, setzt er sich auf den Boden und schreit wie ein Baby. Gut, dass er eine selbstbewusste Fee an seiner Seite hat, die sich um seine Launen nicht schert. Im gelben Tüllröckchen hüpft Tinker Bell auf die Bühne, quasselt erst mal in einer Fantasiesprache, kullert mit den Augen, zieht die Stirn kraus. Sie ist eine vorwitzige, burschikose Prinzessin mit Helmfrisur, und es ist ein großer Spaß, Xenia Noetzelmann dabei zu beobachten, wie sie wirbelt und springt, wie sie witzelt, schmollt, Grimassen zieht. Genauso stellt man sich eine liebenswert-garstige Koboldfee vor.

Ein ungeheuerliches Stück bringt das Düsseldorfer Schauspielhaus in diesem Jahr für Kinder auf die große Bühne: die Geschichte von einem Jungen, der nicht erwachsen werden will, sich lieber mit einer Horde "verlorener Kinder" im "Neverland" verschanzt. Peter Pan ist kein Rebell, den man zur Vernunft bringen könnte. Er ist ein Aussteiger, ein Eskapist, der gar nicht erst versucht, sich gegen die Regeln der Erwachsenen aufzulehnen. Er hat sich einfach anders entschieden und bestens eingerichtet in einer Fantasiewelt, in der alle auf sein Kommando hören. Solchen Kindern ist schwer beizukommen. Emre Aksizoglu spielt das frisch, charmant, modern. Sein Peter Pan hat sich selbst zum Superstar gewählt und fühlt sich wohl in seiner Rolle.

Es könnte nun also eine wundervolle Theater-Abenteuerfantasiereise beginnen. Leider bleibt in der Inszenierung von Markus Heinzelmann manches unausgegoren. Da taucht aus dem Nichts eine Indianerprinzessin auf, steht mal kurz am Marterpfahl, schon ist sie gerettet. Oder Peter Pan versammelt seine Jungs im Reich der Meerjungfrauen. Der gesamte imposante Bühnenapparat setzt sich in Bewegung, doch dann sitzen die Fischschwanz-Grazien nur teilnahmslos am Lagunen-Spielplatzrand, es entwickeln sich keine Geschichten.

Dafür wird ausführlich geprügelt, gefochten, werden die Vögel vom Himmel geschossen, dass es knallt. Schon wahr, Peter Pan ist ein raues Stück, der kleine Erwachsenenwelt-Flüchtling liebt kriegerische Abenteuer, pubertäres Kräftemessen. Doch bleiben die Konflikte in der Bühnenfassung unscharf. Da treten nicht Gut gegen Böse, Mut gegen Hinterlist oder Übermut gegen Feigheit an, sondern wenn die Handlung Schwung braucht, gibt es ein lustiges Haudrauf mit netten Slapstick-Effekten.

Dann wird aber doch halb ernst mit Messern zugestochen, mit Stöcken gedroschen, mit Degen gefochten. Doch ist das nicht dramatischer Höhepunkt, nicht erzählerische Notwendigkeit, sondern nur schwungvolle Unterhaltung. Action. Es passiert viel auf der Bühne, aber es wird wenig erzählt.

Zum Glück sind aber starke Darsteller zu erleben, und da gibt es neben Peter Pan und Tinker Bell ja noch den üblen Gegenspieler Käptn Hook. Der changiert in dieser Inszenierung sehr schön zwischen Tyrann und Jammerlappen. Wenn er seinen räudigen Piratenhaufen zusammenstaucht und dabei auch mal einen aus der Dummkopf-Truppe opfert, dann ist er ein fürchterlicher Donnerhaken, dessen wütende "Hahas" beim jungen Publikum großen Anklang und manches Echo fanden. Doch sobald das Krokodil knurrt, das ihm einst den Arm abbiss, wird er weinerlich, jammert, flucht und flüchtet von der Bühne. Bernhard Dechant spielt das genüsslich, ein wenig wie im Film "Fluch der Karibik" gibt er den Johnny Depp mit Wiener Schmäh, bleckt die Zähne, droht mit seinem Hakenarm. Doch wenn er dann in sein selbstgebautes Autoscooter-Gummiboot mit Ventilator-Antrieb steigt, ist auch den empfindsamsten Zuschauern klar: Dieser Bösewicht ist zu besiegen.

Es gibt schöne Ausstattungsdetails, so rutschen die verlorenen Kinder etwa in ihr Haus unter der Erde. Und dass Menschen im Theater fliegen können, wird vor himmlischem Hintergrund bewiesen. Die Kostüme sind eine gelungene Mischung aus Märchen und Moderne. Und Pan und seine Freunde sind auch noch musikalisch begabt und spielen ab und an handgemachten Rock. Allein, es fehlt ein Anliegen, das dieses Stück tragen würde. Natürlich ist nichts schlimmer als Kinderbelehrtheater, in dem eine Geschichte nur Botschaftenüberbringer ist. Doch dieser Peter Pan geht zu rückstandslos über die Bühne. Die Figuren machen kaum Wandlungen durch. Pans traurige Vorgeschichte hängt seltsam in der Luft. Dieses Stück zur Vorweihnachtszeit ist gute Unterhaltung, zu denken gibt es nicht.

(RP/rai)
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