Die Düsseldorfer Symphoniker über den Opernneubau „Kaum jemand weiß, wie problematisch das Musizieren derzeit ist“

Düsseldorf · Ein neues Opernhaus muss viele Wünsche befriedigen. Für die Düsseldorfer Symphoniker kann es eigentlich nur besser werden. Was der Orchestervorstand und Generalmusikdirektor Axel Kober sagen.

Generalmusikdirektor Axel Kober und die Symphoniker vor einer Aufführung der „Zauberflöte" in der Düsseldorfer Rheinoper.

Generalmusikdirektor Axel Kober und die Symphoniker vor einer Aufführung der „Zauberflöte" in der Düsseldorfer Rheinoper.

Foto: Susanne Diesner

Der geplante Opernneubau in Düsseldorf hat noch zahllose Unwägbarkeiten. Kommt er wirklich? Wann soll das Haus eröffnet werden? Wer soll es bauen? Und vor allem: Was wird es kosten? Der finanzielle Faktor dürfte auch darüber entscheiden, ob Träume für die beste aller Lösungen wieder kleingerechnet werden müssen.

An manchen Aspekten freilich kann man gar nicht sparen, vor allem können sie nur besser werden. Das betrifft beispielsweise die dringend erforderlichen Hinter- und Seitenbühnen, an denen es seit Jahrzehnten im derzeitigen Düsseldorfer Haus mangelt. Doch auch akustisch müsse das neue Haus, sagen alle Künstler einstimmig, deutlich besser werden. Gerade für die Düsseldorfer Symphoniker, das Orchester der Deutschen Oper am Rhein, sind die Bedingungen seit vielen Jahren unbefriedigend. Warum das so ist, darüber sprachen wir mit Mitgliedern des Orchestervorstands und mit Generalmusikdirektor Axel Kober.

Dem Posaunisten Jan Henrik Perschel ist es wichtig, dass das Orchester jetzt mitnichten auf die Tränendrüse drücken will. Doch über das Spiel im derzeitigen Opernhaus sagt er: „Kaum jemand weiß, wie problematisch das Musizieren dort ist.“ Gewiss, hoch unterm Dach gibt es einen Probenraum, „aber der war anfangs größer konzipiert, wurde aber durch Einbauten und Umnutzung verkleinert. Das vom Orchester benötigte Raumvolumen wird bei weitem nicht erreicht“, sagt die Flötistin Ruth Legelli. Längst nutzen auch andere Gewerke des Hauses den Probenraum, „und der EU-Lärmschutzverordnung entspricht er keineswegs“. Große Werke können dort sowieso nicht eingeübt werden. „Aber im Graben geht das auch nicht, weil ja die Bühnentechnik zeitgleich alte Inszenierungen ab- und neue aufbaut“, sagt der Trompeter Tilman Bollhöfer.

Axel Kober ist es wichtig, „dass die neue Oper wirklich eine Heimstätte fürs Orchester wird – mit Probensaal, Kammermusiksaal, Übezimmern. Das steht ja auch im Raumprogramm drin.“ Orchester seien immer nur so gut wie die Räume, in denen sie musizieren. Derzeit sei die Situation teilweise grotesk. Es gebe zu wenige Lifte, Instrumente, etwa die hauseigenen Kontrabässe, müssten immer durchs ganze Haus geschleppt werden, „und der Transport über Treppen hat auch schon viele Schäden verursacht“, so Bollhöfer. Für die Orchesterwarte sei das täglich „ein Knochenjob“.

Fast das größte Problem derzeit ist die akustische Balance zwischen Orchestergraben und Bühne. Kober: „Das Bühnenportal in Düsseldorf ist sehr weit hinten. Die Sänger müssen also permanent forcieren, und das Orchester muss permanent leiser spielen.“ Ruth Legelli bestätigt das: „Wir können im Graben nicht locker spielen, wir sind immer zu laut, müssen uns immer zügeln. Und wenn der Klang mal losgelassen wird, etwa im Ballett, wirkt er im Graben sehr scharf. Dann müssen sich die Musikerinnen und Musiker mit Gehörschutz und Schallschutzwänden wappnen.“

Die Bratschistin Cristina Pop formuliert es so: „Manchmal spielt man wie gegen eine Wand. Die Schutzschirme, die eigentlich den Streichern zugutekommen sollen, werfen den Klang zurück auf die Bläser.“ Ein weiterer ungünstiger Aspekt sei, dass bei vielen Inszenierungen der Graben überbaut werden muss, um Auftritte der Sänger von der Seite zu ermöglichen. Wer in diesen „Grabentaschen“ sitzt, weiß Perschel, „leidet unter dem Schalldruck, der dort nicht entweichen kann“.

Die mannsbreiten Schallschutzwände hinter oder zwischen einzelnen Orchestermusikerinnen und -musikern seien ebenso ungünstig, „sie behindern die Sicht zum Dirigenten und zu den anderen Musikerinnen und Musikern“, beklagt Legelli. Schallschutzbügel, die um den Kopf herum angebracht sind, helfen nur, wenn man sich in einer Spielpause zurücklehnt. „Diese Pausen aber haben wir als Streicher ja praktisch nicht“, sagt Pop.

Ein weiteres Problem sei, dass die Musiker zu wenig Kontakt zur Bühne haben. „Wir brauchen diese Verbindung aber“, fordert Legelli. Kober bestätigt das: „In Donizetti berühmter Oper singt Lucia di Lammermoor ihre Wahnsinns-Arie in einem faszinierenden Duett mit der Soloflöte. Wenn beide einander nicht gut hören können, wird es sehr schwierig.“ Kober weist auf einen weiteren ungünstigen Umstand hin: „Kein Orchestergraben, den ich kenne, ist so tief wie der in Düsseldorf. Die ersten Pulte bei den Streichern müssen also sehr steil zum Dirigenten hinaufschauen.“ Nicht selten klagen die Musiker dann über Nackenprobleme.

Welche Häuser in NRW und welche vergleichbaren Neubauten sind klanglich besser? Der Kontrabassist Vlado Zatko antwortet schnell: „Das Aalto-Opernhaus in Essen klingt großartig, dort ist es auch sehr angenehm zu spielen. Ansonsten fällt mir bei den Opernneubauten etwa Kopenhagen ein.“ Kober kennt das dänische Haus und bestätigt Zatkos Meinung: „Ganz toll.“ Auch die umgebaute Staatsoper Unter den Linden in Berlin klinge dank eines erhöhten Raumvolumens nun sehr gut, allerdings sei die Sanierung ein hoch umstrittenes und äußerst kostspieliges Jahrhundertprojekt gewesen, das auch zeitlich aus dem Ruder gelaufen sei.

Kober resümiert: „Düsseldorf hat die Chance, aus diesen Erfahrungen zu lernen und planvoll etwas Neues zu schaffen – ein Opernhaus, das in vielerlei Hinsicht Maßstäbe setzt, insbesondere auch akustisch, und das so dem hohen Niveau der Symphoniker und des Ensembles gerecht wird.“