1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Kultur

Düsseldorf: Novelle über getöteten Polizeipräsidenten

Düsseldorf : Novelle über getöteten Polizeipräsidenten

Der Schriftsteller Klas Ewert Everwyn wird in seiner neuen Novelle das Schicksal des Düsseldorfer Polizeipräsidenten Franz Jürgens erzählen, den die Nazis kurz vor Kriegsende hinrichteten, weil er die Stadt kampflos übergeben wollte.

Dieser Erzählstoff ist für ihn fast zum Greifen nahe. Zumindest hat Klas Ewert Everwyn aus seiner Schreibstube in der fünften Etage das Düsseldorfer Polizeipräsidium im Blick, also jenen geschichtsträchtigen Ort, der tragischer Mittelpunkt seiner neuen Novelle sein wird. Everwyn will sich auf literarische Art Franz Jürgens nähern, dem einstigen Kommandanten der Düsseldorfer Schutzpolizei.

Jürgens war keineswegs das, was man einen Regimegegner nennen könnte. Bereits 1933 trat er in die NSDAP ein, wurde zum Major und Oberstleutnant befördert. Als das Kriegsende aber nahte, schien Jürgens die Sinnlosigkeit seines Tuns zu begreifen. Und so schloss er sich im April 1945 jenen Bürgern Düsseldorfs an, die ihre Stadt den vorrückenden Amerikanern kampflos überlassen wollten — um noch mehr Opfer und weitere Zerstörungen zu vermeiden. Daraufhin wurde Jürgens von den Nazis verhaftet, vor einem Standgericht im Parkhotel zum Tode verurteilt und wenige Stunden vor der Befreiung Düsseldorfs auf einem Schulhof hingerichtet.

  • Düsseldorf : Kneipenkultur in der Bücherstadt
  • Düsseldorf : Unfall stört Fahrplan der S-Bahn-Linie 6
  • Immobilienpreise: Düsseldorf ist Spitzenreiter
  • Meerbusch : Mobile RP-Redaktion kommt nach Büderich
  • Savonis verlängert bei HSG Düsseldorf
  • Düsseldorf : A.R. Penck-Retrospektive bald in Düsseldorf

Natürlich ist Jürgens eine ungeheuer spannende und daher auch literarisch geeignete Figur — mit dem tragischen Ende und seiner Wandlung vom Täter oder Mitläufer der Diktatur zum Opfer. Ein Parteigänger sei Jürgens gewesen, sagt Everwyn. Aber dann hat er "sein Leben bedingungslos für den Frieden eingesetzt und bis zuletzt dafür gestanden".

"Dankbar" nennt man so einen Stoff. Zumal Everwyn für sein umfangreiches und vielfach dekoriertes Werk historische Vorlagen liebt, die er zu Parabeln der Gegenwart formt, wie zuletzt in "Immermanns Tafelrunde", einer Erzählung über den großen Düsseldorfer Theatermacher und Dramatiker Karl Leberecht Immermann aus dem frühen 19. Jahrhundert. Dabei erzählt Everwyn stets realistisch, hält sich an die Fakten, wo es geboten scheint, und erdichtet Neues hinzu, wo es der Aussage dienlich ist. Ein großes Vorbild hat der 83-Jährige für diese Literarisierung der Vergangenheit: den US-amerikanischen Nobelpreisträger William Faulkner (1897—1962).

Aber noch ist die Jürgens-Geschichte nicht geschrieben, noch wird recherchiert. Und dabei setzt sich Everwyn durchaus einer Selbstbefragung aus, weil diesmal die Handlung seine eigene Lebensgeschichte mehrfach kreuzt. Denn während sich die Düsseldorfer Ereignisse dramatisch zuspitzten, stand auch der junge, gerade erst 15-jährige Everwyn vor einer Gewissensentscheidung. Er lag damals als Soldat in einer Stellung bei Solingen, und als alles Kämpfen nur noch sinnlos war, desertierte er, warf die Panzerfaust in die Wupper und machte sich auf den Weg, hinter die feindlichen Linien zu kommen. Während der Polizeikommandant sein Leben verlor, gelang es dem Jungen in Uniform, nach viertägigem Marsch sein Leben zu retten.

Die letzten Kriegstage waren eine Zeit der Gewissensentscheidungen. Sollte man schauen, dass man bis zur Kapitulation durchkommt, und seine nackte Haut retten? Sollte man einfach nur untertauchen und warten, bis alles vorbei ist? Oder sollte man aus tiefer Überzeugung für seine Ideale einstehen und damit möglicherweise kurz vor Schluss alles riskieren? Darüber lässt sich trefflich theoretisieren. Beschreibbar aber wird es vielleicht erst, wenn es auch durchlebt wurde.

Ohnehin scheint Klas Ewert Everwyn mit diesem Präsidium und seiner Geschichte eng verbunden zu sein: So war sein Vater Polizeibeamter, und Everwyn selbst fand seine erste Arbeitsstelle im Präsidium. Nach fast 30 Büchern ist der Schriftsteller also in seiner eigenen Jugend angekommen und an einer wichtigen Gabelung seines Lebens, die zugleich dem Schicksal vieler anderer Menschen dieser Zeit ähnlich ist. Und wenn Everwyn aus der Quellenliteratur und den Archivunterlagen auftaucht, muss er nur seinen Kopf heben und aus dem Fenster schauen, um vieles in seinen Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen, was sich in Düsseldorf vor fast 70 Jahren ereignet hat.

(RP)