Premiere von "Tannhäuser": Nazi-Skandal: Kritik vom israelischen Botschafter

Premiere von "Tannhäuser" : Nazi-Skandal: Kritik vom israelischen Botschafter

Nach der umstrittenen Premiere von Wagners "Tannhäuser" mit ihren Szenen des Nazi-Terrors sind die Reaktionen immer noch heftig. Auch der israelische Botschafter kritisiert die Inszenierung.

Die jüngste Wagner-Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein hat hohe Wellen geschlagen. Die Gestaltung des Venusbergs (erster Akt des "Tannhäuser") in Anlehnung an Embleme, Figuren, Motive und realhistorische Szenen des Nationalsozialismus (Vergasung von KZ-Häftlingen, Hitlergruß, Reichsadler, Hakenkreuz-Armbinde) lösten bei vielen Besuchern starke Reaktionen aus; am meisten erregte jedoch die realistische Nachbildung einer Erschießung die Gemüter. In diesem Moment — die Partitur Wagners wird für die Sequenz angehalten — wird eine Kleinfamilie (Vater, Mutter, Tochter) von Mitgliedern der Wehrmacht vorgeführt, komplett entkleidet und geschoren, dann reichen die Herren dem Tannhäuser, der jene Armbinde trägt, eine Pistole, und der Titelheld der Oper tötet alle drei per Genickschuss. Die Pistolenschüsse knallen durch den Raum, die Getroffenen sinken sofort zu Boden.

Aufreizende Langsamkeit einer Exekution Dass die Getöteten sich später erheben und die Szene schweigend verlassen; dass in einem späteren Akt alle drei noch einmal in einer stummen Reminiszenz auftreten, mindert das Entsetzen des Publikums nicht. Es ist die aufreizende Langsamkeit des Vorgangs über mehrere Minuten, die schauspielhafte Präparierung einer Exekution als eines von keiner Musik umfangenen Rituals, die das Publikum peinigt.

In der Nachbarschaft des Rezensenten saß ein Opernfan, dessen rumänische Familie tödliche Bekanntschaft mit den Schergen des Ceausescu-Regimes hatte — er musste den Saal ebenso fluchtartig, erregt und schweißgebadet verlassen wie andere, die ohne eine eigene biografische Motivation diese Darstellung als "pervers" erlebten. Eine Leserin rief an, sie habe ihren Mann zum Arzt gebracht, dem Gatten sei es "gar nicht gut gewesen, und sein Blutdruck war auch beim Doktor noch deutlich erhöht".

In der Diskussion um die Inszenierung hat auch der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman Kritik geübt. Hadas-Handelsman sagte unserer Redaktion: "Jegliche Verwendung von Nazi-Symbolen in einem solchen Rahmen ist fehl am Platz."

Kartenumtausch funktioniert In der Rheinoper herrschte am Montag große Betroffenheit über die einhellige Reaktion des Publikums. "Das haben wir so nicht kommen sehen", sagte Monika Doll aus der Pressestelle des Hauses. An der Kasse riefen Abonnenten und Kartenbesitzer an, die ihre Tickets umtauschen wollen; dies wurde nach Informationen unserer Zeitung durch Gutscheine anstandslos gewährt.

Verrat an der Werktreue? Solche Momente der Zuspitzung sind im modernen Musiktheater gar nicht so selten, wobei es in der Regel eher sexuelle Handlungen sind, die das Publikum empören. Berüchtigt für seine Drastik ist der spanische Regisseur Calixto Bieito, der in seinen Inszenierungen gern ein Pandämonium der Gewalt vorführt. Auch Peter Konwitschny gilt als beinharter Realist, dessen gelegentliche Plakativität jedoch meist vom jeweiligen Werk legitimiert ist. Bisweilen ist die Publikumsreaktion auch sehr veränderlich. Hans Neuenfels wurde in Bayreuth, als er den "Lohengrin" im Rattenlabor zeigte, von der Bühne gepfiffen; jetzt werden die Nager von fast allen Besuchern heiß geliebt, sogar von Wagnerianern.

Vergewaltigung einer Nonne Auch in Burkhard C. Kosminskis Düsseldorfer "Tannhäuser"-Regie gibt es einen Moment sexueller und von der Partitur nicht motivierter Übergriffigkeit, da nämlich Wolfram von Eschenbach die von ihm hündisch geliebte, als Nonne jedoch klösterlich zurückgezogene Elisabeth vergewaltigt; dieser Vorgang ist jedoch — anders als die Erschießungsszene — in die Musik eingebettet und dauert nur Sekunden; dieses Detail wird von den Musikfreunden auch gar nicht als Grund für ihr Entsetzen angeführt. Sie treibt vor allem der Hyperrealismus einer Exekution um, der sogar im Kontext der Inszenierung wie ein Fremdkörper wirkt.

Der Intendant antwortet Rheinopern-Generalintendant Christoph Meyer steht nicht im Ruf des Provokateurs, der Regieaufträge nach ihrem erwartbaren Verstörungspotenzial vergibt. Im Gespräch mit unserer Zeitung wirkte er am Montag erschüttert von den Reaktionen. Er übermittelte uns diese Stellungnahme: "Wir haben uns mit der Inszenierung schon zum Zeitpunkt ihres Entwurfs auf ein künstlerisches Konzept eingelassen, bei dem wir ja durchaus damit rechnen mussten, dass es auch Widerspruch auslösen könnte. Die Inszenierung nutzt die furchtbaren Verbrechen des Nationalsozialismus nicht als Staffage oder zur Skandalisierung als Selbstzweck, sondern zeigt die umstrittenen Szenen als Beleg für eine unfassbare Schuld. Damit verhöhnt sie keine Opfer, sondern beklagt sie. Zu keinem Zeitpunkt haben wir im Inszenierungsprozess mit einer entgegengesetzten Lesart gerechnet, sondern haben in der Inszenierung einen möglichen Ansatz zur Auseinandersetzung mit dem Kernthema der Oper ,Schuld und Erlösung' akzeptiert. Die Heftigkeit der Reaktionen in den Medien und die kontroversen Debatten, die schon am Premierenabend unter den Besuchern geführt wurden, haben uns verdeutlicht, dass diese Inszenierung manche Zuschauer aufgrund individueller biografischer Erfahrungen in einer unerwarteten Weise verstört. Wir nehmen diese Menschen sehr ernst und werden das Thema intern diskutieren. Nichts liegt uns ferner, als die Gefühle derjenigen Menschen verletzen zu wollen, die vom Nationalsozialismus persönlich betroffen sind."

Was der Intendant tun muss In einem Telefonat gab Meyer zu verstehen, dass er mit dem Regisseur über einzelne Szenen noch einmal debattieren werde. Indes, bei einer Debatte darf es nicht bleiben. Die Erschießungsszene muss entweder getilgt oder fundamental verändert werden; allerdings fällt es schwer, ihre Ästhetisierung zu fordern. Dass Meyer die (intellektuell misslungene) Produktion komplett opfert und rein konzertant nachliefert, ist allerdings nicht zu erwarten.

Übrigens sollte man bedenken, dass die Mehrzahl der von diesem "Tannhäuser" angewiderten Opernfreunde weder jüdischen Glaubens noch Angehörige von KZ-Opfern ist. Sie alle haben menschlich, als sensible Wesen reagiert. Übrigens fordert kaum einer aus den Reihen der Kritiker die Musealisierung von Bühnensprache in dem Sinne, dass die Sänger Kostüme der Entstehungszeit tragen sollten. Allgemein wird aber eine Wiedererkennbarkeit des Werkes erwartet. Die Kunst der Regie zeigt sich darin, dass sie Bildwelten erfindet, die dem Geist des Werks entweder nachspüren oder nah an der Musik zeigen, welches Potenzial der Stoff besitzt.

Nun, im Tannhäuser steckt allerlei, Heinrich Himmler jedoch nicht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Eklat bei "Tannhäuser"-Premiere in Düsseldorf

(RP/anch/csi/jre/ila/jco)
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