Nachruf auf den Historiker Herbert Schmidt

Nachruf : Alters-Elan eines Spätberufenen

Nach langer Krankheit stirbt der Düsseldorfer Historiker Herbert Schmidt mit 91 Jahren.

Vor sieben Jahren stellte der Düsseldorfer Historiker Herbert Schmidt im Jüdischen Museum Berlin ein Buch von 1296 Seiten vor. Die Anthologie „Ist es Freude, ist es Schmerz. Jüdische Wurzeln – deutsche Gedichte“ war eine Sensation. Noch nie zuvor hatte sich jemand vorgenommen, den gesamten Schatz jüdischer Lyrik in deutscher Sprache zu heben und in einer alphabetischen Anthologie zu veröffentlichen. Dem Opus Magnum waren Jahre akribischer Fleißarbeit vorausgegangen. Die Schauspielerin Iris Berben war so angetan, dass sie mit dem Band mehrere Lesungen veranstaltete. „Diese Sammlung ist auf Dauer ein Standardwerk“, kommentierte auch Michael Serrer, Leiter des NRW-Literaturbüros.

Bei Erscheinen des Buchs war der 1928 in Leipzig geborene Herbert Schmidt bereits 84 Jahre alt. Eigentlich ein gelernter Kaufmann und Goldschmied, begann er 1983 an der Heinrich-Heine-Universität mit dem Studium der Geschichte und Philosophie. Dabei entwickelte er sein Interesse für die Verfolgung der Juden durch die nationalsozialistische Justiz. Mit dem Thema „Die nationalsozialistischen Sondergerichte in Düsseldorf“ wurde er 1997 promoviert.

Ein kaum fassbarer Alters-Elan führte den Historiker durch Archive und Bibliotheken der Stadt und des Landes. Heraus kamen immer neue Publikationen, darunter der Band „Der Elendsweg der Düsseldorfer Juden: Chronologie des Schreckens 1933 bis 1945“, erschienen 2008 im Droste-Verlag. Seiner Freundschaft mit dem ebenfalls aus Leipzig stammenden Maler Gerhard Richter verdankte er manche Einband-Illustration.

Auch für den Band „Mein Freund Israel“ stammt der Umschlag von dem weltberühmten Künstler. Der polnische Jude Israel Borenstein hatte mehrere Jahre im Konzentrationslager überlebt. Über die fürchterlichen Erlebnisse hatte er ein Leben lang geschwiegen. Erst kurz vor seinem Tod im Jahr 2014 diktierte er seinem Vertrauten Herbert Schmidt, was ihn damals an seiner Gottsuche verzweifeln ließ: „An Gott kann man nur ohne jede Hoffnung auf Hoffnung glauben.“

Mit zwei weiteren Büchern traute sich Herbert Schmidt an Autoren, über die längst alles geschrieben schien. Nach einem Band über Franz Kafka konnte er vor zwei Jahren, bereits von einer schweren Erkrankung gezeichnet, im Goethemuseum seine letzte Publikation vorstellen: „Die Goethes in Weimar. Verfall einer Familie“. Jetzt verstarb Herbert Schmidt zuhause in Kaiserswerth.