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Funny Van Dannen im Interview: "Nach Dylan kommt nichts Gutes mehr"

Funny Van Dannen im Interview : "Nach Dylan kommt nichts Gutes mehr"

Der 58 Jahre alte Liedermacher spricht über seine Arbeit mit den Toten Hosen, musikalische Helden und die Aufgabe der Religion.

Funny van Dannen ist der einzige Liedermacher, der ein Lied mit dem Titel "Schilddrüsenunterfunktion" geschrieben hat. Der Vater von vier Söhnen hat eine gute Art, lustig zu sein: Er verpackt seinen Witz in Melancholie. Der 58-Jährige schrieb auch Lieder für die Toten Hosen, "Schön sein" etwa und "Bayern". Heute Abend präsentiert er sein neues Soloprogramm im Zakk.

Dylan oder Cohen?

Van Dannen Dylan. Weil er vielfältiger ist. Bunter im positiven Sinn. Cohen war ja sehr düster, obwohl er sicher auch seinen Humor hatte. Dieser melancholische Grundton gefällt mir zwar, aber nicht auf Dauer. Was bei Cohen beeindruckend war, ist seine Stimme. Sie war am Ende fast besser als früher. Da kommt Dylan wirklich nicht heran.

Hat Dylan den Nobelpreis verdient?

Van Dannen Schon lange. Es ist ja im Grunde Lyrik, was er geschrieben hat. Ich wüsste keinen, der in den vergangenen 100 Jahren so eine Wirkung mit seiner Lyrik gehabt hat.

Was schätzen Sie an ihm?

Van Dannen Seine Lautmalerei und Rhythmik. Der größte Quatsch, den man über ihn sagen kann, ist doch: Der kann ja gar nicht singen. Man muss sich seine Intonationen anhören! Und er legt all das schon beim Schreiben an. Man muss ja vorbereiten, damit man das so singen kann, wie er es tut.

Was meinen Sie mit Lautmalerei?

Van Dannen Das Lied "I Want You" zum Beispiel. Da lässt er die Worte so quecksilbrig weglaufen. Man darf da nicht so sehr dem Sinn hinterhersteigen. Dylan macht viel aus reiner Freude am Wort, am Klang und an der Wortmalerei.

Hören Sie seine Lieder, bevor Sie selbst schreiben? Zum Eingrooven?

Van Dannen Nein, ich bin ein Freund der Stille.

Sie brauchen Ruhe?

Van Dannen Wenn ich schreibe, muss es ruhig sein. Früher gab es bei uns keine Ruhe, weil die Kinder noch klein waren. Aber damals konnte ich besser abschalten. Ich setzte mich in eine Ecke und war für mich. Heute brauche ich Stille. Ich habe aber vorm Schreiben noch nie etwas gelesen oder Musik gehört.

Grönemeyer macht das so. Der liest Gedichte von Kästner und legt los.

Van Dannen Beim Malen geht mir das auch so. Wenn ich im Museum war und tolle Bilder gesehen habe, muss ich selbst auch wieder ran, weil ich denke, das kann ich auch. Bei Musik ist das anders. Wenn ich tolle Musik höre, erstarre ich in Ehrfurcht. Da denke ich: Sowas Gutes, nee, das schaffe ich nie. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn ich vor dem Musikmachen Musik hören würde, würde ich wahrscheinlich gar keine Musik machen.

Was hat Sie zuletzt euphorisiert?

Van Dannen Nichts.

Im Ernst?

Van Dannen Ich sehe jedenfalls keinen würdigen Nachkommen von Bob Dylan oder Leonard Cohen.

Peter Doherty?

Van Dannen Ganz andere Liga! Die Alten sind schon eine Klasse für sich. Bestimmt gibt es gute Schreiber. Aber mich hat seither einfach nichts mehr so beeindruckt.

Stirbt der Singer-/Songwriter aus?

Van Dannen Nein, das glaube ich nicht. Er hat sich wie alles andere auch spezialisiert. Ich bin Fan von Heine, Brecht und Benn, aber diese Allgemeingültigkeit bekommt keiner mehr hin. Viele Künstler wollen sie auch gar nicht hinkriegen. Sie wollen nicht so verständlich wie möglich schreiben. Viele verlieren sich in ästhetischem Sektierertum. Keine gute Entwicklung.

Sie plädieren für eine übergreifende Kultur?

Van Dannen Ja. Wobei ich glaube, dass es die bald wieder gibt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Leute auftauchen, die die verschiedenen Strömungen vereinen. Das kann ein HipHopper sein, der auch super singt. Das Integrative hängt an Persönlichkeiten.

Kunst soll vereinen?

Van Dannen Ja, finde ich schon. Das ist ein großer Wert von Kunst. Wie bei der Religion. Religion wird dort unbrauchbar, wo sie Menschen trennt. Religion soll Menschen nicht trennen, sondern verbinden.

Wie bekomme ich Humor ins Lied?

Van Dannen Da gibt es keinen Trick. Keine Ahnung.

Aber Sie bekommen das doch hin.

Van Dannen Das ist meine rheinische Ader. Ich neige auch im Alltag dazu, froh zu sein. Ich versuche, das Leben optimistisch zu sehen.

Wie läuft eigentlich die Zusammenarbeit mit den Toten Hosen praktisch ab?

Van Dannen Ich habe nie direkt für die geschrieben. Es ging immer darum zu gucken, ob das, was ich habe, auch für sie machbar ist. Ich saß mit Campino zusammen, und dann haben wir geschaut, ob auch er das singen kann. Das ist ja schon etwas Anderes, ob er ein Lied bringt oder ich. Manchmal ändert sich ein Lied durch die Art, wie es gebracht wird. Als er mich damals zum ersten Mal anrief, habe ich gedacht: Ach, das geht bestimmt gar nicht, es passt nicht. Aber bei einigen Stücken lief es dann doch ganz gut.

(hols)