1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Kultur

Düsseldorf: Muscheln, Palmen, Sturmgewehre

Düsseldorf : Muscheln, Palmen, Sturmgewehre

Im Ständehaus K 21 der Kunstsammlung NRW ist eine Übersichtsschau des belgischen Avantgardisten Marcel Broodthaers aufgebaut.

Mit einem Weg durch Palmen hindurch beginnt auf der Piazza im Ständehaus die melancholische Einstimmung auf die neue Ausstellung. Nach dem New Yorker Museum of Modern Art und einer zweiten Station im Madrider Reina Sofia ist eine Übersichtsschau von Marcel Broodthaers in Düsseldorf eingerichtet worden. 200 Werke unterschiedlicher Gattungen, Räume, Installationen, Bilder, Poster, Fotos, Filme, Projektionen, Objekte verweisen auf einen ungewöhnlichen Mann, der Querkopf und ein Künstler-Künstler war, erfindungsreich, unvergleichlich, eine Marke in seiner Zeit und über seine Zeit hinaus.

 Die Palmen gehören zum Konzept des Künstlers. Im K 21 weisen sie den Weg in die Ausstellung, die im Untergrund läuft.
Die Palmen gehören zum Konzept des Künstlers. Im K 21 weisen sie den Weg in die Ausstellung, die im Untergrund läuft. Foto: Achim Kukulies/Kunstsammlung

Man muss durch die Palmengasse hinabsteigen in das Souterrain des Hauses. Das passt, denn einer wie Broodthaers (1924-1976) untergräbt die Kunst und ihren Betrieb und setzt sie auf neue Fundamente. Als Dichter, Journalist, Sammler, Schriftsteller und Antiquar, der er war, beschloss Broodthaers mit 40 Jahren, sich fortan besonders in der bildenden Kunst auszudrücken. Er, der die Poesie als Störung von Weltordnung betrachtete, wollte seine bilder- und wortreiche Auffassung von Poesie in den Raum hinein erweitern. Er wollte die Bücher aus dem Elfenbeinturm herausholen und ihre Inhalte und Wahrheiten in grauem Gips vermanschen, sagt Anette Kruszynski, derzeit kommissarische Chefin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Er wollte neue Fragen an die Kunst formulieren. Was ein Kunstwerk ausmache, interessierte ihn, der Kern. Und wie Kunst sich im Verhältnis zu gesellschaftlichen Prozessen spiegelt, wie hoch ihr Reibeffekt sein kann.

 Objekt mit Muscheln.
Objekt mit Muscheln. Foto: Estate of Marcel Broodthaers / ARS, New York / SABAM, Brüssel / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Broodthaers hat ein sinnliches, anspielungsreiches ABC der Kunst entwickelt, gespickt mit Buchstaben, Worten, Fragen und Thesen - eigenhändig gemachte Objekte und Bilder sind in der Minderheit. Der belgische Avantgardist, der jung starb, lebte zwei Jahre in Düsseldorf, wo er auch ausstellte. Seine Witwe und Tochter sind als Zeitzeugen zur Ausstellung angereist.

Ein Raum von damals, der zwei ganze Tage lang 1972 gezeigt wurde, ist komplett wieder zu sehen. Eine Bildergalerie von guter Malerei aller Genres hatte er aus dem Kunstpalast entliehen, die Ölgemälde einfach anders aufgehängt. Dieser Raum erzählt von der Bewunderung Broodthaers' für die Malerei. Doch selten war eine Ausstellung so komplex und mitunter verwirrend. Zeitbezüge gilt es zu enträtseln, hunderte Wortspiele, die Nähe zum Surrealisten René Magritte, die vielen Aufbauten und Rauminstallationen. Warum ist die Campingsitzgruppe aus den 1960er Jahren mit Sonnenschirm an den Wänden dahinter von Gewehren flankiert?

Die Ausstellungsmacher haben auf Audioguides und Schrifttafeln verzichtet. Stattdessen bekommt der Besucher ein Begleitheft an die Hand. 13 Stationen werden erklärt, zentral darin die Idee vom "Musée d'Art moderne", was ein Gegenentwurf zum bürgerlichen Ausstellungshaus darstellte. In seinem Museum war Broodthaers Künstler, Direktor und Kurator in einer Person. Vier Jahre lang unterhielt er das Museum auf Zeit, das als Modell diente, Deutungshoheit zu untersuchen.

Humorvoll und launig sind die Objekte, die Belgien im Sinn haben. Berge von Miesmuscheln, die den Kochtopf sprengen, formt er zur Alltagsskulptur. Geköpfte Eier reiht er rhythmisch auf Leinwände in den Nationalfarben. Die Kolonialgeschichte seines Heimatlandes ist nicht nur an Palmen ablesbar, ein kleines Wandobjekt zeigt die mit Pech bekleckerte Flagge. Mit den Arbeiten aus Muscheln, Eierschalen und Fritten wird Broodthaers als belgischer Ableger der Pop Art gefeiert. Für Besucher, die denkfaul sind und den Diskurs verweigern, der dem Künstler ein Anliegen war, gibt es genügend zu sehen und zu erleben.

(RP)