Müller & Böhm in Düsseldorf: Eine ungewöhnliche Buchhandlung feiert Jubiläum

Literatur : Diesmal lesen Leser vor

Die Literaturhandlung „Müller & Böhm“ feierte ihr 30-jähriges Bestehen.

Ohne sie geht es nicht. Ohne sie existierten keine Bücher und folglich auch keine Literaturhandlungen. Und so gab es jetzt ein Fest (fast) nur für sie: die Leser. Einen Abend lang durften sie bei „Müller & Böhm“ Akteure und Zuschauer sein, Vorleser und Zuhörer. Und das ging so: Jeder, der wollte, durfte einen Satz aus einem ihm lieben Buch vorlesen, während alle anderen – über 100 dürften es gewesen sein – Autor und Titel erraten mussten. Sauschwer ist das natürlich, doch wer beides zu nennen wusste, bekam zur Belohnung, klar: ein Buch. Allerdings war es verpackt und somit eine Art literarische Wundertüte.

„Ich blicke auf mein vergangenes Leben zurück“, hieß es einmal. Welcher Autor macht das bitteschön nicht? Sylvia Plath vielleicht? Nö. Doch irgendjemand verfolgte dann so eine Spur ins sehr westliche Europa, und als dann der Name Fernando Pessoa fiel, kam der Titel flugs hinterher: „Das Buch der Unruhe“. Natürlich verraten Leser bei der Wahl ihrer Textstelle auch manches über sich. Beispiel: Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff. Der war einst Kulturdezernent der Landeshauptstadt und NRW-Kulturstaatssekretär, christdemokratisch. Aber dann liest er linkes Zeug, einen Satz aus Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“. Als die Zuhörer ihm schließlich auf die Schliche kamen, war die Freude naturgemäß groß; und noch größer wurde sie, als sie erfuhren, dass der Politiker damals als Student das Buch als Raubdruck beim Verlag Roter Stern erworben hatte. Geradezu „einfach“ dagegen war es, den Autor dieses Satzes zu finden: „Die kleinen Jungen waren die ersten, die zum Richtplatz kamen.“ Ken Follett war’s in „Die Säulen der Erde“.

Was es sonst noch gab? Nun ja, ein schönes Jubiläum. Vor 30 Jahren machten Rudolf Müller und Selinde Böhm ihre erste Buchhandlung auf, hinten an der Neustraße. Nach 17 Jahren dann der Umzug einmal um die Ecke in die Bolkerstraße und hinein ins Geburtshaus von Harry Heine. Inzwischen ist dort die halbe Weltliteratur zu Gast gewesen, von Peter Handke bis John Berger, von Mario Vargas llosa bis Jürgen Habermas, Ernst Jandl, Alain Robbe-Grillet, Afred Brendel, Raymond Federman, Herta Müller, immer wieder Cees Nooteboom und eben noch all die anderen. Irgendwie ist das Haus Jahr für Jahr über sich hinausgewachsen und seit einem Jahr neben der Literaturhandlung auch noch ein Literaturhaus geworden.

Über die Faszination des Hauses ließe sich viel sagen, und jeder Besucher hätte seine eigene Geschichte parat. Vielleicht liegt ein Geheimnis auch in dem scheinbar schlichten Satz von Rudolf Müller: „Ich wollte nie einfach nur Verkäufer sein.“ Leben, Liebe und Literatur gehören bei Selinde Böhm und Rudolf Müller untrennbar zusammen: Am 3. Juni vor 41 Jahren lernten beide einander kennen, am 3. Juni vor 30 Jahren machten sie ihre erste Buchhandlung auf, und am 3. Juni vor 22 Jahren heirateten sie.

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