Düsseldorf: "Momix" zelebriert Tanz als Naturschauspiel

Düsseldorf: "Momix" zelebriert Tanz als Naturschauspiel

Im Stück "Botanica" zelebrieren die Tänzer der US-Kompanie "Momix" Flora und Fauna als rätselhaftes Märchenland.

Am Anfang steht eine weiße Rose. Formatfüllend prangt sie über den Zuschauern, projiziert auf die Bühnenleinwand. Dann wird sie allmählich kleiner, entfernt sich immer mehr und wird schließlich zu einem winzigen Punkt am Horizont.

Himmel und Erde, Schönheit und Vergänglichkeit: In seinem Stück "Botanica" streift der mehrfach preisgekrönte amerikanische Choreograph Moses Pendleton alle Facetten der Natur, ihre Schönheit, aber auch ihre Kompromisslosigkeit.

Sein zehnköpfiges Ensemble verschwindet in mal schwelgerischen, mal minimalistischen Bildern, die allesamt aus einer einzigen Inspirationsquelle stammen: Pendletons Spaziergängen durch die Natur. "Bei mir zuhause verbringe ich oft acht Stunden am Tag damit, durch meinen Garten zu laufen und alle Eindrücke in mich aufzusaugen. Die Pflanzen, die Tiere, das Licht. Diese Eindrücke, das Leben vor unser aller Tür im Ablauf der Jahreszeiten, bringen wir mit ,Botanica' auf die Bühne."

Pendleton, der mit dem Kostümbildner Michael Curry ("Der König der Löwen") arbeitet, macht seine fünf Tänzer und fünf Tänzerinnen zu sphärischer Musik mal zu sich windenden Schlangen, im Wind wogenden Blumen oder psychedelischen Saurierwesen. Dabei verläuft die Show so unberechenbar und unstet wie das große Vorbild, die Natur: Einziger loser roter Faden ist die bekannte Abfolge der Jahreszeiten. Wer also eine sich geschlossene Show schätzt, wird hier nicht bedient.

Die einzelnen Showelemente wirken eher wie Geistesblitze, geradezu übermütig choreographierte Ausbrüche menschlicher Fantasie vor dem Hintergrund der bunten Tier- und Pflanzenwelt. Dabei wechseln sich bombastische und minimalistische Szenerien ab. Frühes Highlight ist die in schwarzes Licht getauchte Bühne, auf der nur die grünlich angeleuchteten Arme und Beine der Tänzer zu erkennen sind, die scheinbar über dem Boden schweben und sich immer wieder zu neuen Bildern zusammenfügen, die mal an eine Kobra, und mal an schwirrende Vögel erinnern. "Momix ist kein Slapstick, aber beweist Humor und spielt mit Doppel- und Dreifach-Deutungen", sagt Pendleton, der 1980 die Abschlusszeremonie der Olympischen Winterspiele in Lake Placid choreographierte und ein Jahr später die Modern Dance Company Momix gründete.

Ob das Publikum diese Einfälle nun witzig oder wunderlich findet, bleibt ihm selbst überlassen. An einer Stelle schleicht ein Tänzer mit einer riesigen weißen Kuppel am Rücken über die Bühne, an einer anderen sieht man nur eine weiße Schale und darunter rennende Beine, die einmal quer über die Bühne schießen. Zu den stärksten Passagen zählen die Gruppenauftritte des Ensembles.

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Die an renommierten Theatern ausgebildeten Tänzer zeigen dann ihr physische Präzision, ihre Synchronität und ihre beeindruckende Athletik. Besonders ihre Zentauren-Performance bleibt in Erinnerung, ebenfalls ein Showelement mit viel Humorpotenzial. Denn einer der Tänzer hat die undankbare Aufgabe, den Körper darzustellen und mit geduckter Haltung über die Bühne zu laufen. Schon beim Anblick bekommt man Rückenschmerzen, doch selbst von den gebückten Tänzern, deren Gesicht man nicht sieht, geht eine unbändige Spielfreude aus, ein Esprit, der für derart "programmlose" Shows elementar ist.

Das gilt auch für die Requisiten, die aus den menschlichen Körpern Tiere, Pflanzen und Fabelwesen machen, die aus "Alice im Wunderland" stammen könnten. Pendleton stand vor der Frage: "Wie können wir fünf Frauen in Ringelblumen verwandeln? Ganz einfach, indem wir sie in Petticoats stecken."

Auch dieser Auftritt sticht heraus, weil die Frauen ihr wallendes Kleid zu einer Art Wuschel-Performance machen, Blumen als Cheerleader. Dabei wandert der Rock allmählich vom Kopf bis zu den Knien, ein fließender Übergang, der einem erst beim zweiten Hinsehen richtig bewusst wird. Pendelton schafft es außerdem, Schwimmnudeln und PVC-Röhren unterzubringen, künstliche menschliche Erzeugnisse, die trotzdem bemerkenswert gut in das märchenhafte Naturschauspiel passen.

"Die Tänzer von Momix sind nicht nur Tänzer, sondern auch Puppenspieler. Sie müssen das Gesamtbild zum Tanzen bringen, nicht nur ihre eigenen Körper", sagt er. Nach einem rund zweistündigen Auftritt, der mal amüsiert, mal verwundert, aber durchgehend durch seine Unberechenbarkeit und das Können der Protagonisten unterhält, reduziert sich das schrille Treiben wieder zum stummen Bild der weißen Rose.

Schön, zerbrechlich, wertvoll, flüchtig. So, wie Moses Pendleton die Natur vor seiner Tür auf einer Farm drei Stunden von New York entfernt erlebt.

(RP)
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