Düsseldorf: Mit viel Mut freigespielt

Düsseldorf : Mit viel Mut freigespielt

Acht Mal traten die Laien der Bürgerbühne mittlerweile im Central auf. Und ihr Stück kommt an: "Verlorene Lieder" steht weiter auf dem Spielplan des Schauspielhauses. Eine Zwischenbilanz mit den Neu-Schauspielern.

Acht Vorstellungen hat das Ensemble von "Verlorene Lieder" jetzt schon hinter sich gebracht. Der Erfolg hält an, das Stück bleibt weiterhin auf dem Spielplan im Central. Die ambitionierte Produktion der "Bürgerbühne" verlangt den 18 Protagonisten viel Courage ab. Fast alle sind zuvor noch nie vor Publikum aufgetreten. Auf der Bühne geben sie nun ihre persönlichen Geschichten preis, verwoben mit Liedern, die schöne, traurige oder traumatische Erinnerungen wecken.

Ensemble aus "Verlorene Lieder". Im Dezember feierte das Stück der Bürgerbühne Uraufführung. Foto: Sebastian Hoppe

Eine Figur unterscheidet sich dabei von allen anderen. Wann immer im Stück Fragen zum Allgemeinwissen oder zu statistischen Erhebungen aufgeworfen werden, meldet sich das Orakel zu Wort. Eine auffallend aparte junge Frau mit rotem Haar und rotem Kleid: Magdalena Brück. "Ja, das Orakel ist etwas Besonderes", bemerkt sie zufrieden. Beworben hatte sie sich nicht für den musikalischen Abend. Während sie nach dem Abitur am Schauspielhaus hospitierte, wählten "Bürgerbühne"-Leiter Christoph Seeger-Zurmühlen und Regisseur Bojan Vuletic die Bewerber für "Verlorene Lieder" aus. "Eigentlich wollte ich ja nur zugucken", erzählt Magdalena Brück. "Doch irgendwie fanden die beiden Gefallen an mir und kamen auf die Idee, das Orakel einzubinden." Zwei Tage Bedenkzeit räumte sie sich ein. "Die typischen Ängste tauchten auf: Kann ich das? Möchte ich überhaupt auf die Bühne gehen und die ganzen Texte lernen?", erzählt sie. Sie strebte ja nicht wirklich zum Theater. Magdalena Brück will ab Herbst "Digital Games" studieren und Videospiele entwickeln. Den Ausschlag, sich auf das Experiment einzulassen, gab die Rolle. "Sie ist mir nachempfunden, weil ich wirklich so bin", sagt sie. "Nicht, dass ich allwissend wäre. Aber vielleicht etwas allwissender als der Durchschnitt."

Das Orakel liefert den Mitwirkenden und dem Publikum Erklärungen und Hintergründe. Dafür musste sich Magdalena Brück umfangreiche Wikipedia-Texte und einen Wust an Zahlen einverleiben. Dann, endlich, die Premiere. "Drei Monate hatten wir im Verborgenen geprobt. Da war es spannend, wie Menschen auf das Stück reagieren, die sich freiwillig Karten gekauft hatten. Ich wollte das gern auch meiner Familie zeigen." Verändert habe sie die Zeit auf der Bühne nicht, glaubt Magdalena Brück: "Aber es ist schön zu erleben, wie das Publikum von Mal zu Mal mehr mitgeht."

Ängste überwinden mussten bei "Verlorene Lieder" wohl alle. Dagmar Hornik brauchte dazu auch noch extrem viel Mut. Die Kunsthistorikerin, die als Galerie- und Künstlerassistentin arbeitet, enthüllt eine Jahre zurückliegende bedrohliche Lebenskrise, die man im Stück erahnen kann, ohne dass sie konkretisiert wird. Eingesperrt in einen Glaskasten, bekritzelt sie dessen Wände, eine nach der anderen. Die Texte, die dabei zu hören sind, schrieb sie selbst. Man erahnt die psychische Not dieser Frau, ist ergriffen von den düsteren Klängen des Mahler-Liedes "Ich bin der Welt abhanden gekommen." Dagmar Hornik wählte es nicht selber aus. "Der Regisseur eignete es mir zu", sagt sie. Sie will mit ihrem Schicksal nicht hausieren, ist aber dennoch froh, den Weg in die Öffentlichkeit gegangen zu sein. "Man reflektiert das Geschehene auf andere Weise, wenn man es kreativ verarbeitet." Fast wundert sie sich, dass so viele von ihrem Mut beeindruckt sind. "So schwer war das gar nicht", wehrt sie ab. "Das befreite Gefühl danach ist mehr wert als alles andere. Es gibt auch keine Scham." Im geschützten Umfeld des Ensembles habe sie Vertrauen gefasst: "Mir sind diese Menschen ans Herz gewachsen. Wir waren bereit, unser Seelenleben miteinander zu teilen. Das erfüllt mich mit Glück."

(RP)
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