„Mit der Faust in die Welt schlagen“ in Düsseldorf: Rechts raus aus der Kindheit

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ im Jungen Schauspiel : Rechts raus aus der Kindheit

Das Junge Schauspiel bringt Lukas Rietzschels Bestseller-Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ auf die Bühne.

Tobi hat Einschulung, und nach dem Kaffeetrinken setzt sich die Verwandtschaft im Stuhlkreis um den Jungen und sieht zu, wie er seine Zuckertüte auspackt. Buntstifte, Federmappe, Radiergummi und so weiter – alles geht von Hand zu Hand wie Sandsäcke beim Hochwasser. Es dauert nicht lang, bis die Erwachsenen-Gespräche in vorhersehbares Plattitüden-Bingo abdriften. Ihre Schultüte war zur Hälfte mit Zeitungspapier gefüllt, erzählt Großmutter. „Musst dir nur mal angucken, was es heute für tausend Motive auf den Zuckertüten gibt“, sagt der Vater, während Tobi aufsteht und sich in sein Zimmer verzieht. „Es fiel gar nicht auf, dass er nicht mehr auf dem Stuhl saß.“

So heißt es in Lukas Rietzschels Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“, der im vergangenen Jahr einiges Aufsehen erregte, weil sein Veröffentlichungstermin mit den rechtsextremen Ausschreitungen von Chemnitz zusammenfiel. Damals suchte das Land nach Erklärungen für Krawalle und Hetzjagden, und das Buch kam da gerade recht: Es erzählt von zwei Brüdern, die in Neschwitz in der Oberlausitz aufwachsen, tiefstes Sachsen also, dunkles Deutschland. Der eine heißt Philipp und der andere Tobi, und letzterer reift im Romanverlauf zu einer richtig miesen Type heran.

Gelesen haben dürften „Mit der Faust in die Welt schlagen“ hauptsächlich Erwachsene, es war nirgends als Jungendroman ausgewiesen, es ist keines dieser lächerlichen pädadogisch wertvollen Bücher, die belesene Eltern ihren pubertierenden Kindern aus der Stadt mitbringen, damit die nicht rechts werden, keine Drogen nehmen oder sonst wie auf die falsche Bahn geraten. Es verklärt nichts und erklärt nichts, und es gibt keine Moral von der Geschicht’. Autor Rietzschel hat kommentarlos ein Panorama der sächsischen Provinz entworfen. Trotzdem bringt das Schauspielhaus den Stoff in seinem Jungen Schauspiel auf die Bühne. Das mag erst einmal verwundern, macht, wie man dann sieht, aber durchaus Sinn.

Für die Düsseldorfer Inszenierung haben sie die Vorlage klug zusammengestrichen. Regisseur Martin Grünheit konzentriert sich ganz auf jene Szenen des Romans, die das Beziehungsverhältnis der beiden Brüder zueinander und zu ihren Freunden illustrieren. Es sind nur Freunde darunter, keine Freundinnen. Ein Bund von Jungs, die junge Männer werden und bei jeder Gelegenheit den Harten markieren. Da stehen Ali Aykar und Paul Jumin Hoffmann als Tobi und Philipp dann obenrum frei und schlagen einander mit den flachen Händen auf die blanken Bäuche bis die rot werden. Es geht viel um derlei Rituale und Angebereien, um Verletzungen, Ausgrenzung, Überbietungsgesten, Sicht- und Unsichtbarkeit, gespielte und echte Aggression; das bietet reichlich Identifikationsangebote auch für ein jugendliches Publikum.

Eltern und Großeltern sind in dieser Theaterfassung kaum präsent. Ali Aykar und Paul Jumin Hoffmann rackern sich den gesamtem Abend über zu zweit ab, was insofern kein Problem ist, da sie größtenteils Passagen der Romanvorlage nacherzählen. Sie müssen also nicht wirklich in andere Rollen schlüpfen. Es reicht ein „sagte Mutter“, „sagte Vater“ als Abbinder. Wenn sie sich doch mal von der Vorlage lösen, wird es jedoch häufig albern. Da wird gleich zu Beginn „Der Herr der Ringe“ anzitiert, das ist, mit Verlaub, reichlich bescheuert. Geht aber auch schnell vorbei.

Gewinnbringend ergänzt wird der Stoff hingegen von Musik. Frieder Hepting hat für das Stück treibende elektronische Klänge arrangiert und zuweilen ganze Songs komponiert, in denen die Handlung forterzählt wird. Es geht darum, wie Tobi zu seinem älteren Bruder Philipp aufschaut, wie der zugleich die Anerkennung durch den Jüngeren genießt. Philipp zeigt sich zudem von der Unverfrorenheit einer Gruppe Dorfnazis fasziniert, denen er sich anschließt, später auch Tobi, der sich nun Tobias nennt und Dinge sagt wie: „Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg.“

Wirklich verortet wird im Jungen Schauspiel übrigens nichts, Neschwitz wird bloß mal erwähnt. Es ist kein Theaterstück über den Osten geworden. Rechtsextreme gibt es schließlich auch in Düsseldorf, Dortmund und anderswo.

Erweitert wird der knappe Raum der kleinen Studio-Bühne an der Münsterstraße durch zahlreiche Videoprojektionen. Oftmals filmen sich Aykar und Hoffmann dafür gegenseitig oder befestigen die Kamera an einem rollbaren Stativ, was zu einigen guten Ideen und starken Bildern führt. Zum Schluss etwa, wenn Philipp ausgestiegen und Tobias buchstäblich zum Brandstifter geworden ist, sieht man ihn zu allem bereit auf der Bühne stehen, dahinter an einer Holzplatte vier rote Leuchtstäbe. Sein Gesicht ist in die Mitte der Leuchten projiziert, verbindet sie, und was man nun erkennt, ist ein Hakenkreuz.

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