Minna Wündrich leitet „performing/arts“, eine neue Veranstaltungsreihe

Neue Reihe im Schauspielhaus : Apoll und seine Musen im Schauspielhaus

Minna Wündrich startet heute „performing/arts“, eine neue Reihe im Unterhaus. Erster Gast: Fotograf Christoph Westermeier.

Diese Chance muss ich nutzen, dachte sich Minna Wündrich, als das Schauspielhaus-Ensemble dazu ermuntert wurde, das neu geschaffene Unterhaus am Gustaf-Gründgens-Platz mit eigenen Ideen zu beleben. „Ich fand schnell heraus, was mich am meisten interessieren würde“, erzählt die Schauspielerin. In Düsseldorf, wo die bildende Kunst stark vertreten und die Theaterszene nicht minder kreativ sei, müssten sich die beiden Künste doch auf spannende Weise zusammenführen lassen. „Der Wunsch nach einer solchen Kollaboration schwebte mir seit langem vor“, sagt sie. „Mit einer libanesischen Künstlerin habe ich es in Zürich auch schon einmal ausprobiert. Daran wollte ich jetzt mit einer Reihe anknüpfen.“

Als ersten Gast bei „performing/arts“ lud Wündrich für heute den Fotografen Christoph Westermeier ein. „Gemeinsame Freunde machten uns vor drei Jahren miteinander bekannt“, erzählt er. „Als Schauspielhaus-Abonnent kannte ich Minna schon von der Bühne.“ Das noch nicht klar umrissene Format sei keine Talkshow. Es biete vielmehr eine Spielfläche für viele Kunstformen, sagt die Schauspielerin. „Das wird sich entwickeln und immer anders sein, je nach Schwerpunkt des Künstlers. Jeder von uns soll selbstbewusst mit dem umgehen, woran er gerade arbeitet. Ein offenes Feld.“

Bei Christoph Westermeier war die Richtung bald vorgegeben. Der Fotograf hat an der Kunstakademie bei Thomas Ruff, Rita McBride und Christopher Williams studiert. Viele seiner Projekte stützen sich auf Archivmaterial, das er in einen neuen Kontext einbindet und dadurch überraschende Sichtweisen ermöglicht. „Ich denke nicht klassisch-fotografisch“, sagt er. „Bei mir beginnt zwar immer alles mit einer Fotografie, endet aber nicht zwangsläufig im gleichen Raster.“ Nach diesem Muster inszenierte er im Frühjahr 2019 auch die Performance „Golden Pigeon und seine Gefährten“ im Hetjens Museum.

Für ihr Gemeinschafts-Projekt ersannen die Künstler eine narrative Rahmenhandlung, die sich um die schönen Künste und Apoll rankt. „Nur befindet sich der Gott des Lichtes im 21. Jahrhundert im Irrgarten der Geschlechter und stellt sich einen neuen Musen-Hofstaat zusammen“, erzählt Wündrich. „Der trifft sich dann im Unterhaus.“

Wie in einem Briefroman flogen die beschriebenen Seiten hin und her. „Wir gerieten in eine solche Textfreude, ergänzten abwechselnd Fehlendes oder stellten Passagen um“, beschreibt sie den Entstehungsprozess. „Dabei ergaben sich viele Fragen. Wie arbeiten wir und mit welchen Ansätzen? Wie denken wir über unseren Beruf nach?“ Da war das Buch, das Christoph Westermeier für einen Euro ergattert hatte, ein unverhofftes Geschenk: eine Dokumentation über das Schauspielhaus in den Jahren 1932 bis 1970. Beim Betrachten der historischen Fotos des damaligen Neubaus schloss sich für Minna Wündrich ein Kreis. „Sie sind mit dem heutigen Zustand nahezu identisch. Ein schönes Sinnbild. Auch unser Schauspielhaus ist wieder pur, chaotisch, halb verkleidet. Es stört das Stadtbild und passt gleichzeitig rein.“

Das Programmheft für „performing/arts“ stellten sie aus kopierten Seiten des Buches zusammen, das Westermeier aufblättert. In dem Fund steckten ein Zeitungsartikel über Gustaf Gründgens aus der Rheinischen Post und ein Spielplanzettel von 1955. Damals wurden mit „Tartuffe“ und „Don Karlos“ zwei Stücke gezeigt, die auch das Schauspielhaus in der vorigen Saison aufgeführt hat. „Da relativiert sich die Zeit“, sagt der Fotograf. Wündrich fühlt sich beschwingt durch ihr Vorhaben und die sich anbahnende Vernetzung. „Auch unter Künstlern gibt es Berührungsängste“, sagt sie. „Christoph und ich setzen alles daran, sie auszuräumen. Ich nehme Kollegen aus dem Ensemble zu seinen Ausstellungen mit, und er bringt seine Künstlerfreunde zu uns ins Theater.“