Interview mit Deborah Polaski: "Mein Erfolgsrezept ist das Maßhalten"

Interview mit Deborah Polaski : "Mein Erfolgsrezept ist das Maßhalten"

Die Sopranistin Deborah Polaski ist zurzeit in den "Dialogues des Carmélites" an der Rheinoper zu erleben. Sie erzählt von ihrer ersten Partie in Gelsenkirchen und verrät, wie man eine lange Karriere plant.

In den nächsten zwei Vorstellungen von Francis Poulencs "Dialogues des Carmélites" wird sie die Rolle der Priorin interpretieren: Kammersängerin Deborah Polaski. Zum Interview treffen wir uns im Foyer der Rheinoper, wo man hört, dass auf der Bühne gerade Wagners "Walküre" geprobt wird. Polaski lacht, das sind heimische Klänge.

Haben Sie schon mal hier am Opernhaus gesungen?

Polaski Ja, eine meiner ersten Walküren, die Gerhilde unter der Leitung von Peter Schneider Ende der 70er Jahre. Da war ich noch Anfängerin.

Wo liegt der Unterschied zwischen Poulencs Priorin und den hochdramatischen Rollen, die sie in der Vergangenheit verkörpert haben?

Poslaski Als ich mich auf diese Rolle vorbereitet habe, habe ich mit einer sehr guten Freundin darüber gesprochen. Ich sagte: Das ist so ein anderes Fach! Und sie sagte: Sieh es nicht als ein Fach oder eine tiefere Partie, sondern als eine Rolle mit vielen außergewöhnlichen Charakterzügen. Etwas ganz Besonderes!

Es ist für Sie eine interessante Partie?

Polaski Total! Sonst würde ich es nicht machen. Wenn es mir nichts gibt, kann ich auch nichts weitergeben.

Wann merkten Sie, dass Sie zum dramatischen Stimmfach tendieren?

Polaski Schon als kleines Kind war ich diejenige in der Klasse, die auffiel, weil ich so laut war. Ich war voller Lebensfreude als Kind — das bin ich immer noch — aber als Kind war klar, dass da irgendwas aus mir rauswollte und dass ein Stimmvolumen schon da war. Als Teenager war meine Stimme dann sehr hoch, ich hatte damals ein hohes F! Und mein erster Stimmpädagoge hat gesagt, dass die Stimme entweder dramatisch wird, oder hoch bleibt. Ich hab viel italienisches Fach gesungen am Anfang, aber die Stimme ist schnell in der Mittellage schwerer geworden. Und als ich meine erste Sieglinde gesungen habe, dachte ich: Ach, das sind die richtigen Schuhe. Jetzt bin ich zuhause angekommen.

Was war Ihre erste Partie ?

Polaski Das war Senta in Gelsenkirchen.

Keine Anfänger-Partie!

Polaski Es gibt keine Anfänger-Partie. Das ist es, was ich versuche, jungen Sängern klar zu machen: Es gibt keine einzig richtige Art und Weise, eine Karriere zu machen. Meine war alles andere als orthodox. Man muss eben genau dem Instinkt folgen.

Hatten Sie auch als fertige Sängerin weiterhin Unterricht?

Polaski Oh ja, das ist wichtig, denn die Stimme ändert sich ständig! Und man hört sich ja selber nicht.

Ich habe Sie mit einem Brahms-Liederabend im Schumann-Saal gehört. Ich war erstaunt, nachdem ich Ihre Kundry und Brünnhilde gehört hatte, dass Sie die Stimme so zurücknehmen können und so kammermusikalisch singen können.

Polaski Ich singe immer aus diesem ganz feinen Punkt heraus, ich entwickle den Klang aus einem kleinen Kern. Mit diesem schlanken Ansatz singe ich auch Brünnhilde und Elektra.

Deshalb singen Sie schon so lange?

Polaski Genau, so ist es. Ein weiterer Punkt ist, nicht zu viel zu singen.

Sie haben immer der Versuchung widerstanden, alles mitzunehmen?

Polaski Ich habe früh begriffen, dass Ortswechsel nicht gut tun.

Die Stimme ist ein sensibles Organ.

Polaski Ja, aber eigentlich ist das Ganze sensibel. Ich kann auch nicht erwarten, etwas auf der Bühne mit der größten Sensibilität darstellen zu können, wenn ich selbst meinen eigenen Apparat missachte.

Ist Maßhalten Ihr Erfolgsrezept?

Polaski So ist es.

Wie beschreiben Sie Ihre Technik?

Polaski Ich singe das deutsche Fach so legato und so lyrisch, wie es eben geht. Das sind Charakteristika des italienischen Singens, lange Bögen. Und ich denke ökonomisch.

Sie bleiben also kühl auf der Bühne?

Polaski Ja, unbedingt!

(RP/ila)
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